Kommentar zur Flüchtlingskrise: Wir brauchen legale Wege für Flüchtlinge nach Europa

Kann es angesichts der Nachrichten der vergangenen Tage, der vergangenen Wochen und Monate eigentlich noch einen Zweifel daran geben, dass wir umdenken müssen? Müssen wir uns nicht eingestehen, dass unsere europäischen und deutschen Instrumente der Flüchtlingspolitik in der augenblicklichen Situation versagen? Können wir wirklich die Augen davor verschließen, dass unser Versuch, die Lage zu beherrschen, zum Chaos beiträgt?

Es gehört offenbar zu den zynischen Wahrheiten, dass die Katastrophe, das Leid erst groß genug sein muss, dass sich in den Köpfen der Politik – und vielleicht auch der Bürger – etwas bewegt. Das Bild des kleinen Jungen, der vor der türkischen Küste ertrunken ist, lässt die Briten umdenken. Sie signalisieren nun doch Bereitschaft, syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Im entfernten Kanada, das von der europäischen Krise gar nicht direkt betroffen ist, wird über die restriktive Einwanderungspolitik diskutiert. Der Vater des toten Jungen hatte mehrfach vergeblich versucht, ein Visum für Kanada zu bekommen. Dort lebt seine Schwester, die bereit war, für die Familie finanziell zu bürgen.

Welche Gründe kann ein Staat für seine Entscheidung vorbringen, die ein totes Kind rechtfertigen? Keine. Und hier ist nicht Kanada gemeint. Welche Gründe kann Europa vorbringen, die es rechtfertigen, dass täglich Menschen auf ihrem Fluchtweg sterben? Keine.

Legale Wege schaffen

Und deshalb gibt es derzeit nur eine Antwort: Wir müssen die Türen öffnen. Wir müssen legale Wege schaffen, die den Menschen eine Flucht ohne Todesgefahr ermöglichen.

Was spricht eigentlich gegen die Erteilung von deutlich mehr humanitären Visa in den Fluchtländern? Dass die Botschaften überfordert sind? Wenn wir Zeltstädte in Deutschland aufstellen können, Beamte aus dem Ruhestand holen, um bei der Registrierung zu helfen, warum geht das nicht in den Fluchtländern?

Natürlich löst ein unbürokratisch erteiltes humanitäres Visum nicht jedes Problem. Es wird weiter Menschen geben, die keinen Zugang zu einer Botschaft haben. Es wird weiter Menschen geben, die kein Visum bekommen und die über dubiose Fluchtwege versuchen, Europa zu erreichen. Aber wir würden zumindest einer großen Zahl helfen. Wir könnten den Ansturm der Flüchtlinge besser steuern, die Menschen zielgenauer verteilen, zumindest dann, wenn sich Europa über eine Verteilung einigen könnte. Aber vor allem: Wir würden Leben retten.

Unsere Hartnäckigkeit begünstigt eine blühende Schlepperindustrie. Kein Flüchtling macht sich einfach allein auf den Weg. Kriminelle Banden bilden Netzwerke und verdienen am Leid der Menschen Milliarden. Jede Flucht, so wird geschätzt, kostet 10.000 Euro. Damit könnten die Menschen sich hier in Europa lange versorgen, und sollte ihr Asylantrag abgelehnt werden, wäre auch der Rückflug schon bezahlt. Es soll hier nichts verharmlos werden. Die Flüchtlinge verlangen uns viel ab. Aber: Die Flüchtlinge sind kein Problem. Sie haben ein Problem. Und erfreulicherweise sehen das auch die vielen ehrenamtlichen Helfer so, die in den vergangen Wochen spontan und unermüdlich dort helfen, wo die Menschen Hilfe brauchen.

Grundwerte Europas wetten

Wir schaffen das, hat die Kanzlerin neulich gesagt. Man kann der Politik immer vorwerfen, dass sie zu spät handelt. Das ist auch in diesem Fall nicht falsch. Zu spät wurde erkannt, wie viele Menschen kommen werden. Zu spät wurde Vorsorge für Unterkunft und andere Logistik getroffen. Aber in den letzten Wochen ging ganz offensichtlich ein Ruck durchs Land. Vielleicht weil inzwischen klar ist, es werden noch sehr viele Menschen kommen. Sie werden bleiben. Sie werden unser Land verändern. Ob zum Guten oder zum Schlechten wird sich daran entscheiden, ob wir uns diesen Menschen zuwenden oder sie ablehnen. Ob wir sie integrieren oder sie nur versorgen.

Deutschland bemüht sich. Nicht alles ist perfekt. Aber Deutschland tut derzeit sein Bestes. Nur: Es reicht nicht, sich um die Menschen im Land zu kümmern. Deutschlands Verantwortung endet nicht an der eigenen Grenze und nicht an den Außengrenzen der EU. Wir können nicht sagen: Es geht uns nichts an, wie die Menschen zu uns kommen, sie kommen ja auf eigenes Risiko. Was fürchten wir? Dass legale Fluchtwege eine Sogwirkung auslösen und dann immer mehr kommen?

Vielleicht. Aber wenn sie kommen, kommen sie sicher und berechenbar. Wir können dabei nur gewinnen. Wir retten Leben und die Grundwerte von Europa. Deshalb, Politiker in Deutschland und Europa: Mutet uns nicht die Toten zu. Mutet uns die Lebenden zu!