Unter der Überschrift „Germany on the Brink“ (Deutschland am Rand des Abgrunds) schrieb der Kolumnist Ross Douthat in der New York Times: Hierzulande herrsche die Illusion, die Nazi-Vergangenheit ließe sich mit einer haltlosen humanitären Politik wettmachen. Die Öffnung der Grenzen für eine Million muslimische Flüchtlinge sei ein schwerer Fehler gewesen. „Wer sich einbildet, eine überalterte, säkularisierte, bislang weitgehend homogene Gesellschaft könne die Zuwanderung derart vieler und kulturell anders geprägter Menschen verkraften“, habe zwar „als Sprecher der gegenwärtigen deutschen Regierung eine glanzvolle Zukunft“, sei jedoch „ein Depp“. Eine solch ruckartige gesellschaftliche Veränderung müsse zur „Polarisierung zwischen den Alteingesessenen und auch zwischen den Neuankömmlingen“, also zu vielerlei kaum beherrschbaren Konflikten führen.

Weil Angela Merkel das alles verantworte, heißt es in dem Artikel, müsse sie zurücktreten – „damit ihr Land und das von Deutschland dominierte Europa keinen allzu hohen Preis für ihre hochherzige Verrücktheit bezahlen müssen“. Wer gelegentlich Nachrichten von CNN oder Russia Today ansieht, weiß, wie ausführlich und auch schadenfreudig dort über die Sexualstraftaten berichtet wird, die Flüchtlinge an Silvester begangen haben.

Das Asylrecht muss strikter gefasst werden

Ohne Frage wurde der Zuzug so vieler Flüchtlinge in so kurzer Zeit mit einer gewissen Leichtfertigkeit zugelassen – von der Bundesregierung, von weithin hilfsbereiten Deutschen und Kommentatoren der Zeitungen und Rundfunkanstalten. Wer annahm, es werde keinen Ärger, keine Kriminalität, keinen Missbrauch des Asylrechts und der Gastfreundschaft geben, der war naiv. Jetzt ist die Zeit der Konsolidierung gekommen. Das deutsche Asylrecht, Ausweisungsgründe und -prozeduren müssen strikter gefasst, die Außengrenzen für unabsehbare Zeit schärfer kontrolliert werden. Ich glaube nicht an „Hotspots“ auf griechischen Inseln oder in Mazedonien oder an Aufnahme- und Zurückweisungslager („Begrüßungszentren“) an der bayerischen Grenze. Unsere Erfassungs- und Kontrollsysteme müssen verbessert werden. Polizei und Zeitungen müssen veröffentlichen, wenn Vergewaltigungen, Messerstechereien, Diebstähle von Flüchtlingen begangen werden. Jedes wohlmeinende Vertuschen führt nur dazu, Misstrauen zu verstärken, aus Angst Hass entstehen zu lassen.

Die aktuellen Probleme sind kein Grund, Merkel zum Rücktritt aufzufordern. Sie hat sich seit dem vergangenen Sommer einer humanitären Katastrophe gestellt, die am wenigsten von Deutschland, sehr viel mehr durch die kriegerischen Interventionen der USA, Englands, Frankreichs und auch Italiens ausgelöst worden ist. Jetzt gilt es, aus den bestehenden Schwierigkeiten Konsequenzen zu ziehen. Das soll zügig geschehen, ohne ins Gegenteil zu verfallen und die Grenzen zu verrammeln. Die deutsche Gesellschaft wird aus den aktuellen Erfahrungen lernen und anschließend auf die vielen Folgen globaler Konflikte, die ihr in den nächsten Jahrzehnten bevorstehen, besser vorbereitet sein. Wir leben nicht im Paradies, und noch immer gilt der Satz aus Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“: „Ach, wir/Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit/Konnten selber nicht freundlich sein.“ Jedenfalls nicht immer.