Viktor Orban hat recht: Die Flüchtlinge wollen nicht nach Ungarn. Sie wollen nach Deutschland. Hätte er einen Funken Humor, hätte er hinzugefügt, dass selbst die Magyaren („Menschen“) nicht nach Ungarn wollten, als sie im 9. und 10. Jahrhundert, aus Gegenden am Ural kommend, „räuberische Überfälle“ (Wikipedia) in Europa starteten. Sie blieben in Ungarn stecken. Die Geschichte Europas ist eine Geschichte von Völkerwanderungen und Völkermorden.

Wenn Deutschland innerhalb eines Jahres knapp eine Million Flüchtlinge aufnehmen sollte, dann ist das angesichts einer Erwerbsbevölkerung von 61 Millionen noch kein Problem. Aber wenn das über ein paar Jahre so weiter geht, dann wird sich einiges ändern müssen. Es ist höchste Zeit, dass Wirtschafts- und Finanzminister in ganz Europa sehen, was getan werden muss, nicht nur der Jugendarbeitslosigkeit ein Ende zu machen, sondern auch um Jobs für die Millionen aus Ost und Süd kommenden Zuwanderer zu schaffen.

Eine Festung Europa ist nicht zu verteidigen. Die Politik der Abschottung hat nicht funktioniert, und sie wird auch nicht funktionieren. Die Quoten werden nichts bringen, denn wer soll auf ihre Einhaltung achten? Soll es in Europa Bürger unterschiedlicher Klassen geben? Solche, für die die Freizügigkeit gilt und solche für die sie nicht gilt? Niemand will einen Staatsapparat, der das überprüft und durchsetzt.

Wir brauchen Anreize, die die Bürger wieder aufs Land locken

Man wird umgekehrt vorgehen müssen. Wir brauchen Anreize, die die Bürger wieder ins und aufs Land locken. Mecklenburg-Vorpommern sieht bald aus wie die Basilikata in Süditalien. Es gibt überall in Europa verlassene Regionen, die wieder aufzubauen, zu kultivieren, wie man früher einmal sagte, die einheimischen Bevölkerungen zu alt und – sagen wir es ehrlich – zu verwöhnt sind.

Die Vorstellung, Menschen einfach in abgelegenen Gegenden in leerstehenden Häusern unterzubringen, ist aberwitzig. Solche Maßnahmen werden zur Kriminalisierung ganzer Landstriche führen. Wenn man die Man- und Woman-Power, die jetzt kommt, für einen Aufbau von Europas Problemzonen nutzen könnte, in dem man dort die Ansiedlung von Handwerks- und Fertigungsbetrieben, Kleinindustrien und Service-Einrichtungen unterstützte, dann hätte man wenigstens etwas probiert. Das wird nicht funktionieren auf der Basis von in einem halben Jahrhundert Prosperität erreichten Tariflöhnen und Unternehmergewinnen.

Viktor Orban hat auch ganz recht, wenn er sagte, es handele sich um ein deutsches und nicht um ein europäisches Problem. Nicht verstanden hat er, dass seit Jahrhunderten die deutschen Probleme zu europäischen zu werden drohen. Die Europäische Union war, bevor die Bundesrepublikaner sie als eine Chance begriffen, nicht nur Geld zu verdienen, sondern ihr Deutschsein im Europäertum zu verstecken, zunächst einmal der Versuch, die Deutschen einzubinden in eine europäische Politik.

Europa als Schutz vor Russland und als Geldmaschine

Statt einen Krieg zu führen um und mit Kohle und Stahl, gründete man 1951 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Man hatte begriffen, dass es nicht mehr darum gehen durfte, einander zu schaden, sondern man musste versuchen, zusammenzugehen. Das bedeutete für alle europäischen Staaten eine Zurückdämmung der nationalen Egoismen. Die Geschichte der europäischen Gemeinschaft ist nichts anderes als die bewegte und nicht immer in freundlichem Ton ausgetragene Auseinandersetzung darum.

Die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hinzugekommenen Staaten betrachten Europa in erster Linie als Schutz vor Russland und als Geldmaschine für den nationalen Wiederaufbau. Das Projekt Europa spielt für sie keine große Rolle. Die Flüchtlinge ändern das. Sie schaffen Druck. Ein Druck, der Europa gut tut. Die Toten im Mittelmeer erinnern uns daran, dass alle unsere Institutionen vom Rechtsstaat bis zur Sozialversicherung dazu da sind, so etwas zu verhindern. Wir können sie nicht gegen den Rest der Welt verteidigen.

Es gibt keine marodierenden Banden entrechteter sans papiers (Menschen ohne Papiere), die vor die Reihenhaussiedlungen unserer Vorstädte oder die Villen der Reichen zieht. Es gibt nur Deutsche, die mit Brandsätzen gegen Asylantenheime oder ähnliche Einrichtungen vorgehen. Wir sind dabei zu begreifen, dass nicht die Ausländer, sondern dass diese Deutschen unser Problem sind. Im Münchner Hauptbahnhof hat sich – ich sage das jetzt mal so – das wahre Deutschland gezeigt. Das Deutschland, das, um den Leitartikel dieser Zeitung vom Sonnabend zu zitieren, den Politikern zuruft: „Mutet uns nicht die Toten zu. Mutet uns die Lebenden zu!