Die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin-Mitte gehört zu den berührendsten Gebäuden der Stadt. Sie hat so was Echtes. Das ist überaus selten in der Gegend. Unmittelbar nebenan hängt Schinkels Bauakademie als Plastikplanensimulation. Ebenfalls nebenan leuchtet die immer noch schneeweiße Nachahmung des einstigen Kommandantenhauses als Bertelsmanns Hauptstadtrepräsentanz von 2003.

Und alles überragend das in Beton aufgegossene Stadtschloss, gegenwärtig zu bestaunen in bizarrer Rohbaunacktheit. Dazwischen wirkt die fragile Kirche fast fehl am Platz. So als wundere sie sich selbst, das alles überstanden zu haben. Wenigstens äußerlich. Wenn man nicht zu genau hinschaut.

Kirche wurde vor drei Jahren geschlossen

Die nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel 1831 fertiggestellte Kirche ist seit Oktober 2012 geschlossen. Nicht der Zahn der Zeit hat an ihr genagt, sondern der Bau der Tiefgaragen für die nebenan entstehenden Kronprinzengärten. Unter diesen romantischen Namen duckt sich ein historisierender Kitschklotz, der kaiserliches Wohnen zu Quadratmeterpreisen um 15.000 Euro ermöglichen wird, inklusive Swimmingpool auf dem Dach.

Dran glauben musste die Kirche, die regelrecht durchzubrechen drohte und an der Westseite tiefe Risse aufweist. Sie wurde notdürftig gesichert und abgestützt. Die klassizistischen Skulpturen wurden evakuiert, darunter die schon fast närrisch beliebte Prinzessinnengruppe von Schadow, der die preußischen It-Girls Luise und Friederike Arm in Arm beim Wandeln modellierte.

Jetzt droht der nächste Angriff. Auch im Osten der Kirche sollen wieder klotzweise Edelwohnungen, Büros und Läden entstehen. In dem Ensemble, das unter dem groß tönenden Namen „Von Preußen nach Europa“ vermarktet wird, sollen sogar Quadratmeterpreise von 20.000 Euro fällig werden. Dafür wohnt man in Gehäusen, die von den Stararchitekten Raffael Moneo, Axel Schultes und Charlotte Frank geplant wurden.

Die machen gar nicht erst auf alt wie bei den Kronprinzengärten nebenan, aber auf ihrem weiten Weg von Preußen nach Europa (was für ein Name!) streifen die Bauten die Kirche enorm aufdringlich. In einer Selbstdarstellung heißt es: „Bei diesen Gebäuden rückt die pittoresk wirkende seitliche Ziegelmauerwand der Friedrichswerderschen Kirche so nah an die Bebauung, dass zu überlegen war, wie man diese Wand in die Wohnungen wie ,Ausschnitte aus einem Gemälde‘ einbezieht.“

Man muss das dreimal lesen, um zu begreifen, dass im Denken dieser Bauherren nicht ihre Bauvorhaben an die Kirche rücken, sondern die Kirche an die Planungen. Das hätte nicht mal der geniale Schinkel geschafft.

Ein gefährdetes Kleinod

Bei der Friedrichswerderschen Kirche, die trotz aller teuren Sicherungsmaßnahmen beim Bauen in unmittelbarer Nachbarschaft extrem gefährdet wird, handelt es sich um ein Kleinod, das in der Stadtlandschaft und in der Stadtseele Berlins einen prominenten Platz einnimmt. Orientiert an den englischen Chapels, wie Schinkel bekannte, ist der Bau ein schönes Beispiel jener preußischen Maßhaltigkeit und Bescheidenheit, die man der aktuellen Stadtplanung gerade in dieser Gegend gewünscht hätte.

Mit zwei Türmen sich auf engsten Raum zusammennehmend, ohne falsches Pathos in die Höhe strebend und mit ihrem flachen Dach die Berliner Bürger früher zum Besteigen einladend, ist die Kirche zu einem sentimentalen Fixpunkt des Stadtbildes geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil sie einmal zu ihrer absoluten Mitte geworden war – nämlich, als der Maler Eduard Gaertner, zwei Jahre nach ihrer Einweihung, das Dach der Kirche zum Zentrum jenes berühmten großen Stadtpanoramas machte, das heute im Märkischen Museum zu bewundern ist.

Es gehört zur traurigen Komik der Berliner Baugeschichte, dass das einzig am Schinkelplatz verbliebene historische Gebäude Schaden nimmt durch historisierende Protzbauten, die von der Aura des Geländes nicht nur nippen, sondern sie gleich ganz verschlingen.

Als nostalgische Adresse für die Kronprinzengärten wurde die 1976 aus dem Straßenregister gelöschte Falkoniergasse formal wiederbelebt – eine Gasse, die durch Krieg und Aufräumarbeiten gänzlich ausradiert worden war. Später nichts als formloser Parkplatz, war sie kleines enges Sträßchen, bewohnt von einfachen Leuten, die man so nah am Schloss nicht unbedingt vermutet hätte. Berliner Mischung eben. Heute gibt es sie wieder auf Papier, als romantisches Surrogat auf der Visitenkarte von reichen Kosmopoliten, die schon Residenzen im Londoner Myfair und dem 4. Arrondissement von Paris besitzen und nun ganz nah was bei Kaiser Wilhelm haben wollen.