Die beste und vor allem einfachste Lösung für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 wäre gewesen, sie gar nicht erst nach Katar zu vergeben. Die zweitbeste Lösung wäre gewesen, sie dem Emirat wieder wegzunehmen, nachdem schnell klar geworden war, dass die Welt keine Bereitschaft zeigte, das Experimentelle und Faszinierende an diesem Wüstenturnier zu würdigen, sondern entschlossen war, ausschließlich die Schattenseiten in den Fokus zu rücken. Eventuelle Vertragsstrafen hätte die Fifa dann eben aus ihrer gut gefüllten Verbandskasse bezahlen müssen, aber ein findiger Kopf wie der Weltverbandspräsident Joseph Blatter hätte sicherlich auch Wege gefunden, sich mit den Katarern zu einigen.

Heißeste Monate des Jahres

Damit wären wir bei der drittbesten Lösung angekommen, nämlich die WM genauso auszutragen, wie sie ursprünglich projektiert und von der Fifa-Exekutive abgesegnet war, im Juni und Juli. Der Evaluierungskommission der Fifa war das Klima vor der Abstimmung gerade mal einen Satz wert. Die Tatsache, dass die Spiele in den beiden heißesten Monaten des Jahres stattfinden, stelle „ein potenzielles Gesundheitsrisiko für Spieler, Schiedsrichter, Fifa-Familie und Zuschauer“ dar, hieß es, man müsse also entsprechende Vorkehrungen treffen. Diese hatten die Katarer schon in ihrer Bewerbung verankert, in Form von klimatisierten Stadien und Trainingsplätzen, betrieben, logisch, mit Sonnenenergie.

Das reichte der, auch durch den mehr als anrüchigen Vergabeprozess und den gravierenden Korruptionsverdacht gegenüber Katar, auf Krawall gebürsteten Weltöffentlichkeit aber nicht. Und Blatter, letzten Endes ein ausgewiesener Opportunist, knickte alsbald ein. Herausgekommen ist nun die viertbeste, man könnte auch sagen schlechteste Variante, die Verlegung in den November und den Dezember.

Da es auch in diesen Monaten heiß ist in Katar, dürfte das für „Spieler, Schiedsrichter, Fifa-Familie und Zuschauer“ kaum einen Unterschied machen. Sie werden sich auch im arabischen Winter fast ausschließlich in klimatisierten Örtlichkeiten aufhalten, so wie es im Sommer der Fall gewesen wäre.

Vom Tisch ist jetzt endgültig die Option, die WM nicht in Katar zu spielen, nachdem Blatter schon im Dezember die diesbezügliche Korruptionsdebatte kraft seines Amtes für beendet erklärt hatte. Man darf sich also einstellen auf ein Turnier, bei dem sich zehn der zwölf Stadien in einem Radius von 30 Kilometern befinden. Das bietet Raum für viele zwischenmenschliche Begegnungen der verschiedenen Fangruppen und könnte ein nettes Gedränge in Straßen und Bahnen geben, wenn sich die Ströme zu verschiedenen Arenen kreuzen. Dafür wird das Risiko von Krawallen betrunkener Fans in den Innenstädten und am Strand minimiert, da angesichts der alkoholischen Restriktionen in Katar das vitale Zentrum für die WM-Besucher ihre jeweilige Hotelbar sein dürfte.

Keine ernsthaften Konkurrenten

All diese Dinge hatten die Fifa-Evaluierer bewegt, Katar bei den organisatorischen Gegebenheiten die bei weitem schlechteste Bewertung von allen Bewerbern zu geben. Mittleres bis hohes Risiko lautete das Urteil in diversen Punkten. Dafür stuften die Gutachter das „legale Risiko“ niedrig ein, eine Zauberformel für die Fifa, betraf sie doch Regierungsgarantien und finanzielle Absicherung des Turniers. Hier schnitten die Mitbewerber USA und Japan schlecht ab und waren damit raus. Südkorea und Australien hingegen stellten keine ernsthaften Konkurrenten dar, blieb also nur Katar.

Die Welt wird sich nun mit einer ganz neuen Art von WM-Erlebnis konfrontiert sehen. Während dem Open-Air-Public-Viewing in Ländern wie Australien oder Argentinien ein deutlicher Aufschwung bevorsteht, werden sich die Fanmeilen in Europa und vor allem in Deutschland in Grenzen halten, es sei denn, man verlegt sie in klimatisierte Stadien. Das heimische Sofa und Kneipengucken ist angesagt, die Plätze sollte man vorsichtshalber schon jetzt reservieren.

Ganz bitter wird es in den Ländern, die sich nicht für die WM qualifiziert haben. Die Premier League, nur mal als Beispiel, fing schon zwei Sekunden nach dem gestrigen Beschluss an, über die Unterbrechung des Ligabetriebs zu zetern. Nicht auszudenken, was die Engländer anstellen, wenn sie zwei Monate pausieren müssen und nicht mal eine Mannschaft bei der WM haben. Oder so eine wie in Brasilien.

Dafür sollten die Topspieler, anders als nach einer langen Saison, im November und Dezember noch ziemlich frisch sein. Das könnte ein höheres Niveau versprechen als sonst bei Weltmeisterschaften, etwa in Brasilien 2014 oder Deutschland 2006. Für guten Fußball war es in diesen Ländern aber sowieso viel zu heiß.