Berlins Regierung ist drauf und dran, bei der Gestaltung der Stadt eine Chance zu verspielen. Die Chance, für den Alexanderplatz eine realistische Planung vorzulegen, die zugleich die Geschichte des Ortes würdigt. Erinnern wir uns: 1993 gewann der Architekt Hans Kollhoff den städtebaulichen Wettbewerb mit dem Vorschlag, dort 13 Hochhäuser zu errichten, jedes 150 Meter hoch.

Die Planung war nicht nur von Überheblichkeit gegenüber den Bauten aus der DDR-Zeit geprägt, die überwiegend dem Abriss preisgegeben werden sollten. Sie erwies sich auch als realitätsfern, weil sie die wirtschaftliche Kraft falsch einschätzte, die für den Bau der Türme nötig gewesen wäre. Die Zahl der Hochhäuser wurde zwar auf zehn reduziert, doch von diesen ist bis heute keines realisiert worden. Nur für zwei Türme liegen Pläne vor. Fakt ist: Die hochfliegenden Ideen haben die Entwicklung des Platzes mehr gehemmt als vorangebracht.

Zwar hat das auch die Politik erkannt und entschieden, dass die Planung überarbeitet werden soll. Statt jedoch die Chance für einen wirklichen Neuanfang zu nutzen und mit Hilfe eines Wettbewerbs Ideen zu sammeln, wurde Hans Kollhoff mit der Überarbeitung seines Masterplans beauftragt. Und das Abgeordnetenhaus erklärte zu allem Überfluss, dass der Alex ein Hochhaus-Standort bleiben soll. Damit hat sich Berlin zum Gefangenen einer gescheiterten Idee gemacht. Was Kollhoff jetzt als überarbeiteten Plan präsentierte, ist im Grunde eine Neuauflage der alten Idee. Mit dem Unterschied, dass nun nicht nur zehn, sondern sogar elf Hochhäuser entstehen sollen. Durch Realismus zeichnet sich diese Planung gewiss nicht aus.

Noch immer schreit der Markt nicht nach 150 Meter hohen Türmen – weder am Alexanderplatz noch anderswo. Es fehlt schlichtweg am wichtigsten: an der Nachfrage. Wohnraum wird in Berlin benötigt, ja. Aber in den Neubauten am Alex sollen nicht nur Wohnungen entstehen, sondern vor allem Büros. Allein daran mangelt es nicht. Mehr als eine Million Quadratmeter Bürofläche stehen in der Hauptstadt leer. In Berlin sind Großmieter für Hochhäuser rar. Und das liegt vor allem an der Wirtschaftsstruktur. Die Hauptstadt ist nicht der Platz von Banken, Versicherungen oder großen Unternehmen, die mal eben einen 150 Meter hohen Turm füllen könnten.

Berlins Wirtschaft ist geprägt durch kleine Start-ups, die heute noch nicht wissen, ob es sie in drei Jahren noch gibt. Damit lässt sich keine Hochhaus-Planung à la Kollhoff realisieren, keine Bank überzeugen, einen Kredit zu geben. Hinzu kommt: Der Bau von Hochhäusern ist besonders teuer, weil sie hohe Anforderungen an die Statik und die Technik stellen. Um rentabel zu sein, müssen in Hochhäusern höhere Mieten verlangt werden. Nur leider ist der Alexanderplatz bisher nicht der Ort, an dem Spitzenmieten gezahlt werden. Dazu passt das Umfeld nicht.

Wer wissen will, wie sich der Alexanderplatz entwickeln könnte, der muss nur in die Umgebung des Platzes schauen. Dort wird kräftig gebaut. Nur sind es keine 150 Meter hohen Türme. Es entstehen Gebäude mit 30 bis 70 Metern. Wohnhäuser, Hotels, Bürogebäude. Es mag sein, dass in den nächsten Jahren ein oder zwei 150 Meter hohe Gebäude am Alexanderplatz errichtet werden. Zu mehr wird es aber kaum reichen. Die Hochhausplanung wird damit Stückwerk bleiben. Die weitere bauliche Entwicklung Berlins findet derweil woanders statt: rund um den Hauptbahnhof und im Gebiet der Mediaspree.

Immerhin lässt Kollhoff in seinem jetzt vorgestellten Entwurf die Abrissbirne nicht mehr ganz so heftig kreisen wie im Masterplan von 1993. Das Hotel Park Inn darf stehen bleiben, genauso das ehemalige Haus des Reisens sowie das Haus des Berliner Verlags, die inzwischen beide unter Denkmalschutz gestellt wurden. Die Art und Weise, in der Kollhoff die denkmalgeschützten Gebäude mit Hochhäusern umgeben will, lässt aber leider den notwendigen Respekt vor den Zeugnissen der DDR-Moderne vermissen. Überhaupt wird die Wirkung der Gebäude aus der DDR-Zeit noch immer zu wenig berücksichtigt.

Durch die Umgestaltung soll dem Alexanderplatz die Weite genommen werden. Die Weite jedoch steht beispielhaft für die sozialistische Stadtplanung, die die breiten Straßen am Alex und an der auf ihn zuführenden Karl-Marx-Allee für Aufmärsche brauchte. Sie steht zudem für die große Demonstration vom 4. November 1989, ohne die der Fall der Mauer am 9. November kaum denkbar gewesen wäre – und damit für eines der wichtigsten Daten der jüngeren Geschichte. Auch das muss bei der Neugestaltung endlich angemessen berücksichtigt werden.