Nicht alles, was das Volksempfinden stört, ist mit dem Strafrecht zu bekämpfen. Von dieser Einsicht lässt sich der Deutsche Ethikrat leiten und fordert, den einvernehmlichen Beischlaf unter erwachsenen Geschwistern zu entkriminalisieren. Natürlich rührt er damit an ein Tabu – und er rührt zu recht daran.

Das strafbewehrte Verbot wurde stets damit gerechtfertigt, dass eine besondere Gefahr von Erbschäden bei aus Inzestverbindungen hervorgegangenen Kindern bestehe. Aber warum entfällt dann die Strafbarkeit nicht in den Fällen, in denen wegen Zeugungsunfähigkeit mit Nachkommen nicht zu rechnen ist? Und wie soll abgewogen werden zwischen dem Interesse eines Ungeborenen, entweder mit genetischen Defekten zu leben oder gar nicht zu leben?

Weil diese Abwägung ebenso unerträglich wie unmöglich ist, wird der Beischlaf in anderen Fällen selbst dann nicht bestraft, wenn die Wahrscheinlichkeit behinderten Nachwuchses höher ist und die zu erwartenden Behinderungen gravierender sind als beim Inzest. Inzestuös verbundene Geschwister gehören nicht vor Strafgerichte, sondern in eine Therapie.

Geschwisterinzest kommt fast immer in sozial schwachen und bereits gestörten Familienverbänden vor, der Appell des Verbots erreicht die Betroffenen nicht. Statt den Inzest unter Strafe zu stellen, sollten inzestuös verbundene Kinder und deren Eltern von der Jugendhilfe betreut und beraten werden.