Kommentar zur Islamkonferenz: Heimat der Muslime

Muslime sind ein Teil von Deutschland. Daran ändert sich auch nichts, wenn darüber diskutiert wird, ob der Islam zu Deutschland gehört. Letztlich gehören alle hier lebenden Menschen, gleich welchen Glaubens und welcher Weltanschauung, zu diesem Land. Einem Land, in dem die überwiegende Mehrheit der Muslime sehr gerne lebt.

Diese Muslime lehnen es ab, wenn Extremisten ihre Religion kidnappen und meinen, im Namen Gottes oder des Propheten Mohammed andere Menschen umbringen zu müssen. Sie fühlen sich verletzt, wenn Karikaturen Mohammeds gezeigt werden. Sie sind wütend und haben Angst angesichts des Hasses, der ihnen entgegenschlägt. Sie fühlen sich im Stich gelassen, wenn man über sie statt mit ihnen redet und Islamfeindlichkeit als Islamkritik verharmlost. Sie sind genervt, wenn sie täglich lesen müssen, wie ihre Religion ist, und Politiker und Medien an „den Islam“ Anforderungen stellen.

Lebenswelt von Muslimen wird kaum wahrgenommen

Sie glauben irrtümlicherweise, dass es ähnlich wie bei der Kirche Organisationen gibt, die für alle Muslime sprechen. Doch nur 20 Prozent der Muslime sind in Moscheegemeinden organisiert. Einen organisierten Islam mit Mitgliederverzeichnissen und Verbänden gibt es selbst in islamischen Ländern nicht. Einteilungen in liberale und konservative Muslime zwingen die Menschen dazu, sich zu einer dieser Richtungen zu bekennen, wobei Konservative mit Argwohn betrachtet werden. Die meisten Muslime wollen aber unabhängig von politisierten Begriffen einfach nur ihre Religion ausüben.

Abseits der Debatten um Terrorismus, Salafismus und eine angebliche Islamisierung steht also die muslimische Zivilgesellschaft, deren Lebenswelt in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Doch die ist durchaus aktiv und vielfältig: Es gibt die „Islamische Zeitung“, einen Rat muslimischer Studierender und Akademiker, das Avicenna-Studienwerk, das Hilfswerk „Muslime helfen“ und das Zahnräder-Netzwerk, das Muslime aus allen Gesellschaftsbereichen zusammenbringen will. Darüber hinaus gibt es Style-Islam – ein muslimisches Modelabel –, eine muslimische Comedygruppe namens Uma Lamo sowie I'Slam, einen muslimischen Poetry- Slam. Sie werden von deutschen Muslimen getragen, die sich mit dieser multikulturellen Gesellschaft identifizieren.

Imame kennen sich hier nicht aus

„Kulturen waren immer dann stark, wenn sie sich selbst in Frage stellten und Einflüsse von außen selbstbewusst aufnahmen, statt sich zu verkriechen oder sich immer nur zu beklagen“, sagte der Autor und Islamwissenschaftler Navid Kermani einmal in einem Interview mit dem Journalisten Eren Güvercin. Diese Haltung ist bei vielen Muslimen nach dem Terroranschlag in Paris erkennbar. Die muslimischen Verbände und zahlreiche Einzelpersonen haben sich sofort von dem Attentat ohne Wenn und Aber distanziert. Das war in der Vergangenheit, als etwa der niederländische Regisseur Theo van Gogh 2004 ermordet wurde, noch anders.

Für die Muslime stehen jetzt umso mehr innerislamische Herausforderungen an, die nicht einfach zu bewältigen, aber notwendig sind. Schwierig ist es, weil die Moscheegemeinden in Deutschland sich ausschließlich über Spenden finanzieren. Bis auf die Imame leisten nur Ehrenamtliche die Gemeindearbeit ; die Ressourcen sind knapp. Die Imame kommen zumeist für drei bis fünf Jahre aus dem Ausland und kennen sich nicht mit der Lebenswelt der hier aufgewachsenen Muslime aus.

Noch ein weiter Weg

Aufgrund der fehlenden Alternativen auf Deutsch haben einige Jugendliche Zuflucht bei der salafistisch-wahabitischen Strömung gefunden, die ihnen ein vereinfachtes Weltbild präsentiert und die Welt in Gläubige und Ungläubige einteilt. Die 7 000 Salafisten, die der Verfassungsschutz zählt, sind zwar bei rund vier Millionen Muslimen in Deutschland eine geringe Zahl, es fällt vielen Moscheegemeinden jedoch schwer, damit umzugehen. Eine Alternative wären Gegenangebote im Internet. Eine Generation junger Theologen, die an den fünf Islaminstituten ihre Abschlüsse machen, fängt damit gerade an.

Dazu müsste es auch einen innerislamischen Dialog geben, losgelöst von der Islamkonferenz des Bundesinnenministeriums. Eine Debattenplattform, auf der Muslime aus allen Spektren weg von den Interessen der Verbände theologische und gesellschaftliche Fragen diskutieren. Die Etablierung eines solchen Forums wäre ein erster Schritt, um nicht in der Öffentlichkeit übereinander, sondern miteinander zu reden. Am Ende dieses Prozesses könnten gemeinsame Standpunkte stehen, die es möglich machen würden, den Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts anzuerkennen. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.