In der Türkei eskaliert die Gewalt in beängstigendem Ausmaß. Seit der Aufkündigung des Friedensprozesses mit der Kurdenguerilla PKK durch Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Ende Juli versinkt der kurdische Südosten des Landes in einem blutigen Konflikt, der immer mehr außer Kontrolle gerät. Täglich sterben Soldaten, Polizisten, PKK-Rebellen und immer wieder unschuldige Kinder. In einigen Regionen herrscht Kriegsrecht, Journalisten werden verhaftet, pogromartige Ausschreitungen gegen Kurden nehmen zu.

Die Gewalt droht auf Istanbul und andere westtürkische Metropolen mit ihren großen kurdischen Minderheiten überzugreifen, mitten in einem Parlamentswahlkampf, der die Emotionen weiter anheizt. Doch statt die Gewalt zu stoppen, verschärfen Präsident, Regierung und Rebellen den Konflikt noch.

Man muss es so deutlich sagen: Der Nato-Staat und EU-Beitrittskandidat Türkei steht kurz vor einem Bürgerkrieg – und Europa schweigt dazu. Die EU ist so stark mit ihren Flüchtlings- und anderen Krisen befasst, dass sie den neuen Krisenherd in ihrer Nachbarschaft ebenso zu ignorieren droht, wie sie es bereits mit Syrien tat. Die Flüchtlingsströme und das Terrorkalifat Islamischer Staat waren eine Folge dieser Dummheit. Wenn die EU den gleichen Fehler jetzt mit der Türkei wiederholt, könnten die Folgen nicht mehr beherrschbar sein.