Abuja / Lagos - Eine Zwischenbilanz des Schreckens zog die International Crisis Group Anfang Mai: In Nigeria hat die islamistische Terrorgruppe „Boko Haram“ allein im April über 500 Menschen getötet; zudem befinden sich mehr als 200 Schülerinnen in ihrer Gewalt, die sie am 15. April entführte und vermutlich zwangsverheiraten will. In den letzten Tagen haben die Terroristen weitere Anschläge verübt und weitere Schulmädchen entführt. Nigerias Regierung verliert zunehmend die Kontrolle über Teile des Landes, während Boko Haram den Aktionsradius ständig erweitert. So haben die Terroristen in der Nacht zum Dienstag den Gendarmerieposten der Stadt Kousseri im Norden des Nachbarlandes Kamerun angegriffen und zwei Gendarmen getötet.

Warum es zu dem Anschlag in Kousseri kam, erklärt Dominic Johnson in der taz in einer sehr interessanten Analyse: „Kousseri liegt am Grenzfluss Chari direkt gegenüber Tschads Hauptstadt N'Djamena. Tschad ist der führende afrikanische Alliierte Frankreichs beim Krieg gegen bewaffnete Islamisten in Mali, die als mit Boko Haram verbündet gelten. Ein islamistischer Angriff auf Kousseri ist auch eine Warnung an Tschads Regierung.“ Aus Kameruns Sicht wiederum zeige der Angriff, dass die Konflikte aus Nigeria und der Zentralafrikanischen Republik übergreifen. Womöglich mit fatalen Folgen: Nach der brutalen Vertreibung fast aller Muslime aus der Zentralafrikanischen Republik Richtung Tschad könnten versprengte Kämpfer der muslimischen Seleka-Rebellen Zentralafrikas bei den Nigerianern Boko Haram neue Freunde finden.

„Frankreich ist die führende militärische Interventionsmacht nicht nur gegen Islamisten in Mali“, so Johnson, „sondern auch gegen Seleka in der Zentralafrikanischen Republik. Ohne das französische Eingreifen wären Zentralafrikas antimuslimische Anti-Balaka-Milizen nie so stark geworden, dass sie Hunderttausende Muslime hätten verjagen können. Militärischen Nachschub bekommen die Anti-Balaka-Milizen vor allem aus Kamerun, zugleich Führungsnation der afrikanischen Zentralafrika-Eingreiftruppe Misca. Kein Wunder, dass jetzt Seleka-Kämpfer sowohl gegen Frankreich als auch gegen Kamerun zuschlagen.“

Die Gründe für den Konflikt sind komplex und überfordern die Regierungen in mehreren Staaten, vor allem aber die Führung Nigerias, findet Thomas Scheen in der FAZ: „Die Entführung von mehr als 200 Schulmädchen durch die Islamisten von Boko Haram aus einem Internat in Chibok und die Unfähigkeit der Armee, die Verschleppten zumindest zu orten, sind nicht nur eine Tragödie. Sie sind eine Bankrotterklärung. Das Geiseldrama ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die mit den ersten Terroranschlägen vor vier Jahren begann und im Norden des Landes inzwischen alle Merkmale eines ‚failed state‘ aufweist: Willkür und Zusammenbruch staatlicher Ordnung.“ Die internationale Gemeinschaft fühlt sich hier offenbar nicht zuständig. Das ist gefährlich, denn der Konflikt strahlt aus. So entsteht, wie Johnson schreibt, „ein neuer Brandherd in der afrikanischen Sahelzone“.