Der Aktionsdrang in Israel ist groß, die jüngste Terrorwelle zu stoppen. Nur wie? Die demonstrative Präsenz von Polizei und Militär in Jerusalems Straßen, verstärkte Überwachung der palästinensischen Gebiete bis zu Plänen, um Gaza einen weiteren Zaun zu ziehen, sind eine beachtliche Show der Regierung Benjamin Netanjahu. Bei vielen Bürgern kommt sie gut an. Aber ihrem eigentlichen Zweck, die öffentliche Sicherheit wiederherzustellen, dient das alles nur bedingt. Die Zufahrten jener arabischen Viertel in Jerusalem, aus denen Messerstecher und andere Attentäter stammten, sind zwar jetzt mit Betonquadern blockiert. Aber viele Schleichwege führen durch Jerusalem und ebenso raus aus dem Westjordanland, die kennen auch potenzielle Terroristen.

Im Grunde versteckt sich hinter all den Sanktionen und Drohungen mit Häuserabriss und Ausbürgerung von Täterangehörigen (eine rechtsstaatlich unzulässige Kollektivstrafe) politische Ratlosigkeit. Diese dritte Intifada, wenn man sie so nennen will, ist im Unterschied zu ihren beiden Vorgängern führungslos und ein schwer fassbares Phänomen. Typisch ist der junge Palästinenser (es kann auch eine Frau sein), der inspiriert von Facebook-Videos irgendein Küchenmesser einsteckt und beim Frühstück nicht mal selber weiß, ob und wo er damit zustechen wird.

Ein spontaner Ausbruch der Gewalt war auch die erste Intifada, der Aufstand der Steine Ende der achtziger Jahre. Sie ging vom Volk aus, aber die damals verbotene Fatah und die PLO im Exil zogen alsbald die Fäden. Nach drei Jahren flaute sie ab und endete 1993 mit dem Frieden von Oslo, jenem lückenhaften Abkommen, dem Jassir Arafat seine Rückkehr nach „Palästina“ verdankte. Der Name ist deshalb in Anführungszeichen gesetzt, weil es weder damals ein richtiger Staat war, noch sich die aus den Osloer Interimsverträgen abgeleitete Erwartung, einer zu werden, bis heute erfüllte. Die eigene Nationalfahne am UN-Sitz in New York flattern zu sehen, ist jedenfalls kein Ersatz.

Palästinensische Enttäuschung

Die palästinensische Enttäuschung über die leeren Versprechen von „Oslo“ schlug erstmals im Herbst 2000, nach dem geplatzten Friedensgipfel von Camp David, in bittere, zornige Proteste um. Al-Aksa-Intifada wurden die Unruhen genannt, angefacht schon damals vom Disput um Jerusalems heiligste Stätten: das Moscheeplateau, wo einst der jüdische Tempel stand. Fatah und Hamas sattelten auf, konkurrierten um die Vorhut. Die bewaffnete, zweite Intifada, gekapert von Islamisten und ihren Selbstmordattentätern, kostete viele Israelis und noch weit mehr Palästinenser das Leben. Israel räumte schließlich zwar Gaza, aber verleibte sich mit dem Bau des Sperrwalls Filetstücke vom Westjordanland ein.

Die palästinensische Mehrheit hat diese Zeiten in böser Erinnerung. Auch Präsident Mahmud Abbas möchte keine Neuauflage. Zumal ein Wirbelsturm der Gewalt ihn wegfegen könnte, aber noch lange nicht die israelische Besatzung. Zwei Drittel seines Volkes haben kein Vertrauen mehr in Abbas und seinen diplomatischen Kurs. Härter noch drückten es palästinensische Studenten aus: „Wir wollen keine Unterwerfung, die unsere Politiker als Frieden hinstellen.“

Dass Abbas kürzlich vor den UN bekannte, die Osloer Verträge seien hinfällig, werten viele Palästinenser als Eingeständnis, dass ihr alternder Präsident nicht mehr weiter weiß. Für die junge Generation, die von Fatah und Hamas gleichermaßen wenig hält, war das ein Signal, die Sache selber in die Hand zu nehmen.

Der Ruf, Al-Aksa sei in Gefahr – eine Reaktion auf jüdische Tempelberg-Aktivisten, die zuletzt dort in immer größerer Zahl auftauchten – heizte die nationale Erregung zusätzlich auf. Als Medium dient das Internet so wie bei den Rebellionen im Arabischen Frühling. Vieles kursiert in den sozialen Medien, was pure Propaganda ist. Doch Wut und Verzweiflung, ohne politische Perspektiven zu einem von israelischen Checkpoints eingesperrten Dasein verdammt zu sein, sind real.

Was Besatzung für die Palästinenser heißt, blenden die meisten Israelis aus. Das entspricht der Regierungslinie von Benjamin Netanjahu, wonach man den Kampf gegen grundlos hasserfüllte Terroristen zu führen habe. Selbst die Arbeitspartei, die dem Friedenslager zugerechnet wird, wagt keinen Gegenentwurf. Bleibt nur US-Außenminister John Kerry als letzte Hoffnung, der am Mittwoch mit Netanjahu in Berlin Chancen einer Deeskalation beraten will. Eile ist allerdings geboten, damit der Strudel der Gewalt beide Konfliktseiten nicht weiter in den Abgrund zieht. Wer zu spät kommt, den bestraft in Nahost nicht nur das Leben. Es gibt viel zu viele, die auch den Tod nicht fürchten.