Als am Mittwoch die Rauchschwaden über der Frankfurter Innenstadt aufstiegen, setzte die linke Bundestagsabgeordnete Heike Hänsel einen Tweet ab. Er lautete: „Stimmungsmache der Presse gegen Blockupy. Auf dem Maidan in Kiew waren Rauchschwaden für die Presse Zeichen der Freiheitsbewegung!“ Darauf antwortete einer: „Sie vergleichen Menschen in der Ukraine, die gegen einen Diktator demonstrierten, mit kriminellen Gewalttätern?“

Dazu muss man wissen, dass Heike Hänsel zu denen gehört, die vor einigen Monaten dabei waren, als der Linken-Fraktionschef Gregor Gysi mit laufender Kamera bis auf die Toilette verfolgt wurde. Auch das ein Akt der Gewalt. Nun wäre es falsch zu sagen, Personen wie Hänsel repräsentierten die Linke. Allerdings repräsentieren sie eine unter Linken verbreitete Haltung, die in einem Freund-Feind-Schema verharrt, einer Schwester der Militanz. In jedem Fall repräsentiert Hänsel das Elend einer Linken am Scheideweg.

Vor zwei Wochen verzichtete Sahra Wagenknecht auf eine Kandidatur für den Fraktionsvorsitz, nachdem sie jahrelang eine Doppelspitze gefordert hatte. Ein männlicher Reformer und eine Frau vom linken Flügel, sprich: sie selbst – das war der Plan. Nun zog die 45-Jährige sich zurück, ausgelöst durch das mehrheitliche Ja der linken Abgeordneten zu weiteren Hilfsmaßnahmen für Griechenland, die ein Ja zum Spardiktat beinhalten – und wetterte hinterher umso lauter gegen die „Troika-Mafia“, zu der die EZB gehört.

Das erscheint als weiteres Indiz dafür, dass die Linke derzeit paradoxerweise zwei Gefahren ausgesetzt ist, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die eine besteht darin, dass die grobkörnige Analyse der Radikalen an der Wirklichkeit zerschellt, die andere darin, dass die Reformer von der Realität gefressen werden, indem sie sich auf sie einlassen. Für die eine Position steht Hänsel. Für die andere Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, der erste Linke in der Chefrolle einer Staatskanzlei.

Die vergangenen Jahre der Partei waren von Flügelkämpfen bestimmt. Der linke Flügel schwächelte zuletzt und verlegte sich auf die in der deutschen Politik einmalige Strategie, die Gesamtpartei durch Beleidigungen Dritter unmöglich zu machen – und damit eine Annäherung an SPD und Grüne. Mit Wagenknechts Verzicht scheint diese Auseinandersetzung vorerst beendet. Denn er folgt der Niederlage im Griechenland-Streit und lässt die Radikalen kopflos erscheinen.

Deren Problem ist ihre eindimensionale politische Wahrnehmung. Stets wird abgespalten, was nicht in die Ideologie passt: die Eigenverantwortung der Griechen für ihre Krise; die gewiss auch positive Rolle der EZB, die Griechenland durchaus geholfen hat; die Völkerrechtsbrüche Russlands und die Einschätzung der Rolle des islamischen Fundamentalismus. Weil die radikale Linke nicht bereit ist, die Widersprüchlichkeit der Verhältnisse anzuerkennen, kann sie sie nicht verändern. Zugleich berühren sich ihre Positionen mitunter mit rechtem Denken oder sind moralisch fragwürdig, weil sie Unrecht auf der einen Seite aufpumpen und es auf der anderen ignorieren.

Den Gegenpol bildet Ramelow in Erfurt, der dort kaum anderes betreibt als eine sozialdemokratische Politik. Ein linker Akzent ist der Winterabschiebestopp für Flüchtlinge. Ähnliches gilt für die Absicht, V-Leute abzuschalten. Die geplante kommunale Gebietsreform hingegen ist weder links noch rechts, sondern bloß effizient. Die Möglichkeit zu Bildungsurlauben für Arbeitnehmer gibt es andernorts längst. Und das angestrebte beitragsfreie Kitajahr könnte ebenso die Idee einer fortschrittlichen CDU-Politik sein. Der Regierungschef weiß das alles. Deshalb redet er auf Versammlungen seiner Partei anders als im Bundesrat, und er gibt dem Spiegel andere Interviews als dem Neuen Deutschland.

Auch die linke Landesvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow versucht, die Kluft zu überbrücken. So beschwor sie dieser Tage im ehemaligen Parteiorgan, man müsse „erproben, wie Regierungspolitik nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch transformatorisch in Richtung eines demokratischen Sozialismus wirken kann“. Nötig sei etwa eine linke Kaderpolitik zur Durchdringung von Ministerien und Verwaltungen. Derlei würde Ramelow nie sagen. Sein Ziel scheint nicht, alles anders zu machen, sondern so zu werden wie alle anderen.

Für die SPD im Osten ist das keine gute Nachricht. Sie wird damit überflüssig. Für die SPD im Bund sieht die Sache anders aus. Mit einer Ramelow-Linken wäre ein rot-rot-grünes Bündnis auch in Berlin denkbar. Den Heike Hänsels dieser Welt ist beides egal. Für sie ist es bloß noch Verrat.