Wladimir Putins alljährliche Fragestunde war in diesem Jahr mehr als das gewöhnliche, vielstündige Ritual zum Jahresausklang. Russland steckt in gewaltigen wirtschaftlichen Turbulenzen. In den vergangenen Tagen war das Land sogar am Rande der Panik. Von ihrem Präsidenten erwarteten viele Russen deshalb sicher nicht nur Beruhigung und Erklärung. Sie hofften, Putin würde ihnen auch erläutern können, wie er die Dinge zu richten gedenke. Gerade darauf hatte er keine Antwort, nur den Appell zur Geduld: Es wird schon wieder werden.

Russlands Bevölkerung will keine Revolution, sie will keinen Regimewechsel. Sie hat aus ihren bitteren Erfahrung eine existenzielle Angst vor der Anarchie von Umbrüchen, wie sie sie zuletzt in den Jelzin-Jahren durchleben musste. Wladimir Putin ist an die Macht gekommen, und er hat sich dort mehr als anderthalb Jahrzehnte halten können, weil er der Nicht-Jelzin ist, weil er die Kraft hatte, den chaotischen Alptraum zu beenden und das Land zu stabilisieren.

Derzeit können nicht westlicher Druck und erst recht nicht die innere Opposition dem russischen Präsidenten gefährlich werden. Tatsächlich gefährlich aber wird es, wenn Putin den Nimbus verliert, er habe souverän unter Kontrolle, was in Russland passiert. Den Eindruck, dass er das gegenwärtige Chaos beherrscht und einen Weg weiß, vermochte Putin nicht überzeugend zu vermitteln.