Monatelang haben SPD und Grüne erklärt, es gehe nicht anders: Die Steuern müssten erhöht werden, weil sonst kein Geld da sei für Hochschulen, Kinderbetreuung, Straßen, Bahnnetz, Kommunen. Die Union hat erklärt, all das sei über die weiter hohen Steuereinnahmen zu finanzieren.

Es wäre erstaunlich, wenn SPD und Grüne nun genau dieses Argument für sich entdeckten, nachdem sie es monatelang als unehrlich zurückgewiesen haben. Es wäre seltsam, wenn beide sich im Wahlkampf mit Steuererhöhungsforderungen angreifbar gemacht hätten, um nach der Wahl festzustellen, dass es Finanzquellen gibt, die weit weniger Aufregung verursachen.

Wenn rot-grüne Spitzenleute nun erklären, Steuererhöhungen seien kein Selbstzweck, ist das also der Logik nach eine rein rhetorische Übung. Man will sich kompromissbereit zeigen. Weder SPD noch Grüne wollen als Partei dastehen, die sich weigert, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Es ist der Versuch, der Union die Schuld für ein mögliches Scheitern von Koalitionsgesprächen zuzuschieben. Denn die muss nun alternative Finanzierungsideen liefern.

Soweit die Logik. Jedoch ist man vor Seltsamkeiten bei kaum einer Partei sicher. Zumal, wenn die nächste Steuerschätzung zwei Tage vor dem SPD-Parteitag erfolgt. Vielleicht feilt Sigmar Gabriel ja schon an einer entzückten Rede über den wohl bevorstehenden Geldsegen.