Die Todesstrafe ist keine Strafe – sie ist ein Verbrechen. Als der Parlamentarische Rat 1949 ihre Abschaffung im Grundgesetz beschloss, begründete das der sozialdemokratische Abgeordnete Friedrich Wilhelm Wagner mit den Worten: „Wenn Sie mit dem Töten der Menschen, mit dem Töten von Mensch zu Mensch ein Ende machen wollen, können Sie auch nicht dem Staat das Recht geben, Menschen zu töten.

Es wird nicht besser, wenn der Staat einem Menschen das Leben nimmt, als wenn es der Einzelne nimmt. Es ist, was es war: eine Barbarei.“ Sie ist eine Barbarei, die noch immer in 22 Staaten praktiziert wird. Zwar ist die Zahl der Vollstreckungen im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr (China nicht mitgerechnet) um 22 Prozent auf 607 gesunken, aber in der gleichen Zeit ist die Zahl der Todesurteile um 500 auf 2466 gestiegen. Mit anderen Worten: Diese Form der Barbarei wurde seltener praktiziert, aber die Bereitschaft dazu ist deutlich gewachsen.

Ein Irrtum: Die Barbarei der Todesstrafe zeige sich erst in ihrer Vollstreckung. Sie setzt ein mit der Verhängung der Strafe, mit dem rechtskräftigen Urteil der höchsten Instanz, nach dem für den Verurteilten das Warten auf die Hinrichtung beginnt. Der zum Tod Verurteilte, schrieb Albert Camus, sei kein Mensch mehr, sondern ein Ding, das darauf wartet, von den Henkersknechten ergriffen zu werden: „Was ist die Hinrichtung denn anderes als der vorbedachteste aller Morde, mit dem keine noch so berechnete Untat eines Verbrechers verglichen werden kann? Eine Gleichwertigkeit bestünde erst, wenn der mit dem Tod zu bestrafende Verbrecher sein Opfer vorher davon in Kenntnis gesetzt hätte, an welchem Ort er es in einen grässlichen Tod schicken würde, und es von diesem Augenblick an monatelang gnadenlos eingesperrt hätte. Ein solches Ungeheuer findet sich nicht im Privatleben.“

Aber es findet sich nicht zuletzt in der US-Justiz, der letzten westlichen Demokratie, die sich diese Barbarei gestattet. Sein vorerst letztes Opfer war die unschuldige Debra Milke, eine gebürtige Berlinerin, die wegen vermeintlicher Anstiftung zum Mord an ihrem Sohn 1990 zum Tod verurteilt worden war und bis vor einigen Wochen auf die Hinrichtung gewartet hatte.

3035 Delinquenten vegetieren derzeit in den Strafanstalten der USA zum Teil seit Jahrzehnten ihrer letzten Stunde entgegen. Die Folter ist in den Vereinigten Staaten nicht erst in den Gefangenenlagern von Guantanamo, Abu Ghraib und anderswo wieder auferstanden, sondern mit der Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahr 1977. Bis heute wird sie von ihren Anhängern mit dem vermeintlichen Abschreckungseffekt begründet, der aber ebenfalls bis heute in keiner einzigen Studie nachgewiesen werden konnte.

Im Gegenteil. Als Charles M. Morris, Oberster Richter in Florida, im April 2012 für die Abschaffung der Todesstrafe plädierte, sagte er zur Begründung: „Wenn die Todesstrafe nicht abschreckend wirkt, und das tut sie nicht, und wenn die Todesstrafe uns nicht mehr Sicherheit gibt, und das tut sie nicht, dann ist sie bloß kostspielige Rache.“ Und die Botschaft, Gewalt lasse sich mit Gewalt überwinden, der Tod mit dem Tod begleichen, hat noch jede Gesellschaft sittlich verwüstet.