Die konservativ-islamische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan wurde vor elf Jahren mit dem Versprechen gewählt, eine neue Politik zu gestalten: gottesfürchtig, unbestechlich, bürgernah. Davon ist nicht viel geblieben.

Die Bilder des größten Korruptionsskandals der jüngeren türkischen Geschichte werden sich einbrennen. Söhne von Ministern, Immobilientycoone und regierungsnahe Banker, die Schwarzgeld im Schlafzimmer horten und Schmiergeldlisten führen. Mögen die Motive der Staatsanwälte auch mehr mit einem Kampf der Konservativen um die politische Macht zu tun haben als mit der unparteiischen Aufklärung von Verbrechen – sie öffnen dem Volk die Augen.

Schon die Gezi-Proteste entzündeten sich am Filz von Bauwirtschaft und staatlicher Bürokratie. Damals polemisierte Erdogan gegen ausländische Mächte und verfolgt bis heute jene, die er Marodeure nannte und für den Aufruhr verantwortlich machte.

Diesmal werden die Ablenkungsmanöver nicht funktionieren. Die Fernsehbilder bestätigen, was die Protestbewegung behauptet: Die langen Jahre an der Macht haben die AKP korrumpiert. Der Skandal wird das Land verändern. In drei Monaten sind Kommunalwahlen, im August wird ein neuer Präsident gewählt, Erdogan will das Amt übernehmen. Er sollte sich auf etwas einstellen, das er nicht kennt: Gegenwind.