Wer glaubt, wir würden Angela Merkel an ihrem 60. Geburtstag und im neunten Kanzlerinnenjahr doch nun wirklich gut kennen, sieht sich erneut getäuscht. Nach einem Jahr demonstrativen Desinteresses an der NSA-Affäre lässt sie die Angelegenheit nun gezielt eskalieren und das deutsch-amerikanische Verhältnis auf ungeahnte Weise weiter vereisen. Niemand käme auf die Idee, dass diese Kanzlerin einst ihren Vorgänger Gerhard Schröder für seine Gefolgschaftsverweigerung gegenüber dem Kriegspräsidenten George W. Bush kritisiert hat.

Wer das Verständigungsangebot des heutigen US-Präsidenten so kühl zurückweist wie Merkel dies ausweislich der Worte ihres Sprechers getan hat, der will sich nicht vertragen. Auf der anderen Seite ist das, was Obama anzubieten hatte, wohl so nichtig gewesen, dass sie es ignorieren musste. Man habe die Ansichten über die Zusammenarbeit der Geheimdienste ausgetauscht, hieß es nach dem Telefonat. Weniger geht kaum.

Aus der prinzipiellen Amerikafreundin Angela Merkel ist eine sehr distanzierte Partnerin geworden. Sie folgt damit auch der öffentlichen Meinung in Deutschland. Allerdings kommt sie so zunehmend unter Druck, tatsächlich etwas zu unternehmen – zum Beispiel, die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen infrage zu stellen. Das wäre ein Signal wie einst Schröders Nein zum Irak-Krieg – worüber die deutsch-amerikanische Freundschaft am Ende auch nicht zerbrochen ist.