Kommentar zur Ukraine: Wie Putin uns auseinander bringt

Ob sie jetzt von den Europäern gehasst würden. Sie, die Russen, seien doch jetzt die Bösen, sagt eine Familie, die ich in Moskau besuche. Wir sitzen zu viert in der Küche und trinken Tee. Der Satz klingt nach, bis heute. Er ist der oberflächliche Ausdruck eines tiefen Risses zwischen uns.

Und den ich auch in Deutschland spüre, noch Wochen nach der Rückkehr aus meinem Sommer in Russland. Es gibt ein neues Lagerdenken zwischen Ost und West - genährt vom Krieg. Dabei ist die politische Sachlage eindeutig: Wladimir Putins Annexion der Krim und die Unterstützung prorussischer Separatisten im Osten der Ukraine sind falsch. Schon allein, weil sie einen Völkerrechtsbruch darstellen.

Zum Tee in Moskau gibt es Brote. Die Mutter, eine Frau Mitte Dreißig, schneidet Wurst und Käse auf, alles aus Russland. Sie spricht über die Sanktionen, dass sie nutzlos seien. Dass sie Russland sogar helfen würden, um sich endlich aus der Abhängigkeit von Europa und den USA zu befreien. Die Modernisierung des Landes stocke seit Jahren, ja, sage ich. Nun höre ich von ihr, der böse Westen sei schuld. Da ist es, so ein Dagegenhalten-Wollen. Es rührt an ein schmerzlich vermisstes Weltmachtgefühl.

Putin hat in ihren Augen alles richtig gemacht

Sie spricht weiter, von der Nato-Osterweiterung, dass Russland mit der Angst vor militärischer US-Präsenz an seiner Grenze nie ernst genommen worden sei. Ich stimme zu. Am Tisch nicken alle zufrieden. Aber rechtfertigt das irgendwas?, frage ich, und das Gespräch kommt auf die Krim.

Ich verteidige die souveräne Ukraine. Für sie, die sie in der Sowjetunion groß geworden sind, gehört sie bis heute zum eigenen Staatsgebiet, gefühlt versteht sich. Putin hat in ihren Augen alles richtig gemacht. Hitzig drehen wir uns bald nur noch im Kreis.

Gleiches geschieht mir mit einer jungen Frau auf der Straße. Wir kommen schnell zum wunden Punkt. Um den Eingriff in die Ukraine zu rechtfertigen, setzt sie mir, der Deutschen, dann mit Kremlpropaganda trotzig die verbale Pistole auf die Brust: In Kiew herrsche doch jetzt Faschismus. Diese Mär! Sie fiel doch nur deshalb auf so fruchtbaren Boden, weil es zwischen West- und Ostukrainern tatsächlich Spannungen gab.

Mittlerweile, da der Krieg mehrere tausend Tote gefordert hat, die Stimmung vergiftet ist, Freundschaften auseinandergehen, Ehen geschieden werden und die Menschen sich zerstreiten, weil sie unterschiedlichen Wahrheiten glauben, ergibt es für sie, für die Russen hinter Putin, auch gemessen an der Realität einen Sinn. Wie für diese Frau.

Wir dividieren uns alle auseinander – wie falsch das ist!

Ich verzweifle. Dabei könnten wir über so viele politische Verfehlungen reden, von allen Seiten, Russland, EU, USA, der Kiewer Regierung und des geschassten Präsidenten Janukowitsch. Wir könnten darüber streiten und diskutieren, wie es überhaupt soweit kommen konnte.

Die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte, aber nicht an einem ganz entscheidenden Punkt: Dass Wladimir Putin mit Machtpolitik Grenzverschiebungen erzwingen will. Dass er auf der Krim Fakten geschaffen hat und in der Ostukraine zündelt – zu einem teuren Preis, den er von Anfang an in Kauf nahm. Das kann doch niemand ernsthaft als politische Option verteidigen!

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