Den Dezember kennt man hierzulande nur als Weihnachtsmonat. Andere Feste wie Chanukka, Ostern oder das Opferfest können sich selbst tragen und wandern im Kalender hin und her. Weihnachten aber ist sesshaft und hat den Dezember im Laufe der Jahrhunderte so vollständig überformt, dass auch jenen, die keine Adventstürchen öffnen, die ganze Zeit über bewusst bleibt, dass sie das nicht tun.

Überhaupt die Zeit! Sie verdichtet sich, je näher man an den 24. rückt, zu einem Massiv zu erledigender Dinge, hinter dem sich dann plötzlich die Feiertage eröffnen wie ein spiegelglatt gefrorener See. Bis zum 27. umrundet oder überquert man diesen, stapft anschließend durchs Niemandsland „zwischen den Jahren“, wirft am Jahreswechsel sein Selbstbild in die Waagschale einer (oder keiner) Essenseinladung und genießt ab Januar endlich wieder freie Sicht! Hat man den Dezember je anders, ungeschminkt und als Monat der Möglichkeiten erlebt?

Das Unwiederbringliche der verstrichenen Zeit

In meinem inneren Jahresbild durchschreite ich die Topographie des Dezembers übrigens in der Zeit zwischen fünf und sechs, womit ich sagen will, dass ich das Jahr als analoge Uhr sehe und es für mich nach der Sechs beginnt. Oben, bei zwölf, ist der Juni, rechts, bei drei, der September. Und bevor ich begann, andere nach ihren Vorstellungen zu fragen, nahm ich an, dieses Bild sei universell. Das Gegenteil ist der Fall.

Es gibt zwar Leute, die das Jahr ebenfalls als Uhr oder Spirale sehen, die aber verorten den Januar etwa nach der zwölf. Oder sie denken die Sache von ihrem Geburtsmonat aus, der dann entweder bei sechs oder zwölf liegt, wodurch der Jahresbeginn unter Umständen auf zwei Uhr rutscht. Wieder andere sehen den Jahreslauf als Zeitstrahl. Oder als ein sich wie auf einer Walze abrollendes Kalendarium, bei dem das aktuelle Datum in der Mitte und erleuchtet ist.

Die Vermutung eines Zusammenhangs mit der Idee linear oder zyklisch verlaufender Zeit – wie sie technisch orientierten bzw. naturverbundenen Kulturen zugeordnet wird – liegt nahe, lässt sich aber nicht so einfach bestätigen. Denn auch bei der Zeitstrahlvorstellung wird wiederkehrenden Phasen eine große Bedeutung beigemessen, und die Uhr- oder Spiralvorstellung leugnet keineswegs das Unwiederbringliche der verstrichenen Zeit.

Ein Stück vom Paradies

Interessant ist, dass die meisten Gefragten ihr Bild spontan beschreiben können, ohne dass sie, sagen sie, vorher schon einmal darüber nachgedacht hätten. Und dass sich in einer Anschauung, die ich für universell gehalten habe, größtmögliche Individualität offenbart. Oder auch: gewahrt bleibt. Denn hier bewegen wir uns im vielleicht letzten Raum, der ideologisch und ökonomisch unbewirtschaftet ist. Weder Glücksversprechen noch Mehrwert sind daran geknüpft, wie sich der Einzelne den Jahreslauf vor Augen führt. Jeder kann damit ganz bei sich bleiben, ohne dass ihn das von anderen trennen würde. Ein Stück vom Paradies, wenn man so will!

Und auch der Dezember hat etwas davon. Sich vorzustellen, dass andere den Weihnachtsparcours da durchschreiten, wo bei einem selbst erst September ist, bringt zumindest etwas Bewegung in die Sache. Rein innerlich natürlich, sehr persönlich und auch nur dann, wenn man versucht, mit den Augen der anderen zu sehen – irgendwie so also, wie es an Weihnachten ja sein sollte.