Dnepropetrowsk - Am Nachmittag des 11. Mai tauchten zwei Dutzend Bewaffnete in Krasnoarmejsk auf, einer Stadt im Westen des Donezker Gebiets. Es war Sonntag, und auf den Straßen war wenig los. Dafür waren viele Passanten auf dem Hauptplatz vor dem Rathaus. Dort sollte das Referendum stattfinden, zu dem die Anhänger der selbsternannten „Volksrepublik Donezk“ aufgerufen hatten.

Mit Verwunderung sahen die Krasnoarmejsker das Geschehen. Die Bewaffneten trugen unterschiedliche Uniformen, und gekommen waren sie in privaten Kleinbussen von Inkasso-Firmen sowie einem Mercedes-Sprinter mit polnischem Kennzeichen. Sie behaupteten, sie gehörten zu einem neu gegründeten „Bataillon Dnjepr“, und besetzten das Rathaus.

„Wer gibt Euch das Recht, hier aufzutauchen? Wer hat Euch geschickt?“ fragten die Krasnoarmejsker. Junge Männer, unbewaffnet, aber wütend, stellten sich den Uniformierten entgegen. Die schossen im Gerangel erst in die Luft, dann auf den Boden. Am Ende waren zwei Einwohner der Stadt tot, einer verletzt. Schnell verließen die Busse den Ort.

Es ist ein Vorfall, wie er typisch ist in diesen Tagen. Wer im Donbass wofür kämpft und in wessen Auftrag, das ist oft unklar. Das Gouverneursamt in Dnepropetrowsk, wo tatsächlich eine Einheit namens „Bataillon Dnepr“ aufgestellt wird, hat sich von dem Vorfall in Krasnoarmejsk sogleich distanziert – dies seien keine eigenen Truppen. Aber wer war es dann? Waren es etwa radikale ukrainische Nationalisten des „Rechten Sektors“? Von ihnen ist in der Ostukraine ständig die Rede, aber gesehen hat sie kaum jemand. Man möchte das ganze schon für einen Mythos halten.

Selbsternannte Befreier

Aber es gibt sie wirklich, und sie waren in Krasnoarmejsk. Ein paar Tage nach jenem Sonntag stehen die Brüder Alexej und Oleg Butorin auf dem Balkon einer Mietwohnung in Dnepropetrowsk. Die beiden sind stämmig und sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Alexej ist zehn Minuten älter als Oleg, beide sind 35 Jahre alt. Ein Revolver liegt auf der Anrichte, eine Pistole auf dem Sofa. Es ist abends. Sie waren wieder im Donezker Gebiet unterwegs, wo genau, das bleibt geheim. Jetzt sind sie wieder im sicheren Dnepropetrowsk und müde. Alexej schaut vom Balkon herunter auf die nächtliche Stadt. „Hier leben die Leute ihr Leben weiter, als gäbe es keinen Bürgerkrieg im Osten“, sagt er kopfschüttelnd. Deren Patriotismus gehe nur so weit, sich ein blau-gelbes Fähnchen ans Autodach zu heften.

Oleg ist anders. Er kommt aus Nowowolynsk, einer Bergarbeiterstadt am anderen Ende des Landes, an der Grenze zu Polen. Er ist Fuhrunternehmer und Lokalpolitiker, ehedem für Timoschenkos Vaterlandspartei in den Stadtrat gewählt. Aber als der Maidan in Kiew stattfand, da hat er Frau und drei Töchter zurückgelassen und eine „Wolhynische Sturm-Hundertschaft“ gegründet. Sie haben auf den Barrikaden gekämpft, und am 20. Februar sind 18 seiner Männer im Kugelhagel gestorben, sagt er. Es ist schwer, dann noch derselbe zu bleiben.

Butorin wurde immer radikaler. Er hat Gegnern die Knochen gebrochen, er hat daheim in Nowowolynsk den Sturz des Bürgermeisters erzwungen, er hat im Tarnanzug Supermärkte besucht, um sie zum Boykott russischer Produkte zu verpflichten. Mitte April haben sie ein Treffen der prorussischen Kommunisten überfallen und deren Bücher verbrannt. Er zeigt die Fotos auf seinem Telefon. Butorin ist Ortschef der nationalistischen Organisation „Rechter Sektor“.

Auch den Autokonvoi hat er fotografiert, mit dem sie am Sonntag nach Krasnoarmejsk gefahren sind, vorbei an allen Straßensperren. Man sieht die gepanzerten Inkassowagen und den gelben Kleinbus mit polnischem Kennzeichen, der gehört Butorin. Das Ziel, sagt Alexej, war einfach: Flagge zeigen. Sie wollten jene Menschen aufmuntern, die in Krasnoarmejsk für den Erhalt der Ukraine eintreten, aber unter dem Einfluss der „Volksrepublik“ sich nicht mehr trauen, ihre Meinung zu sagen. „Wir müssen denen zeigen, dass sie gebraucht werden, dass noch nicht alles verloren ist. Die müssen sich fühlen wie 1945, bei der Befreiung“, sagt er. Sein Bruder behauptet, die feindliche Menge vor dem Rathaus sei vom russischen Feind bestellt und bezahlt. „Ein junger Mann sagte uns im Flüsterton: „Danke, dass Ihr da seid!“

Wer die Aufnahmen aus Krasnoarmejsk anschaut, sieht keine Freudenszene wie 1945, sondern Wut. Sicher – es ist zu sehen, dass die Bewaffneten eigentlich nicht schießen wollen. Aber warum haben sie sich in eine Lage gebracht, in der sie am Ende doch Menschen töten? Schon mit ausländischen Kennzeichen anzureisen, zeigt wenig Einfühlungsvermögen, oder?

Wer den Butorins solche Fragen stellt, der stößt auf blankes Unverständnis. In ihren großen runden Köpfen sieht die Welt einfach aus. „Da sind Verräter, die mit einem anderen Land gemeinsame Sache machen“, sagt Oleg erbost, „und ich soll nicht mit einem polnischen Nummernschild fahren dürfen?“ Sie haben das Gerangel vor dem Rathaus selbst nicht gesehen, sie waren vor der Polizeistation, sagen sie. Dort hätten Scharfschützen auf sie geschossen.

Von den feindlich gestimmten Einwohnern des Donbass haben sie ein schlechtes Bild – „Alkis von einer Sorte, die gibt es bei uns im Westen gar nicht“, sagt Oleg. Dabei stammen er und Alexej eigentlich gar nicht aus dem Westen. Aufgewachsen sind sie in Moskau, in russisch-ossetischer Familie. Aber ähnliches gilt für ihre Mitstreiter. Alexej führt eine Kampfgruppe von 40 Mann, sagt er, alle stammen aus Nowowolynsk, aber darunter seien ein Georgier, zwei Armenier, ein Weißrusse, ein Tatare, ein Jude. Der Rechte Sektor, der während des Maidan aus älteren nationalistischen und rechtsextremen Gruppen entstand, gibt sich modern. Sein Nationalismus ist nicht mehr ethnisch definiert, auch Antisemitismus wird explizit verurteilt. Fortan ist Ukrainer, wer für die Ukraine kämpft. „Wir sind keine Faschisten“, sagt Alexej. „Wir sind radikale Nationalisten.“

Die russische Regierung und das russische Fernsehen präsentieren den Rechten Sektor dagegen als Neonazis. Auch die Kiewer Regierung distanziert sich von der radikalen Organisation. Seit Polizisten den berüchtigten Aktivisten „Saschko der Weiße“ erschossen, ist der Rechte Sektor auf Kriegsfuß mit dem Innenminister.

In Krasnoarmejsk hatten sich die Kämpfer als „Bataillon Dnepr“ ausgegeben – so heißt eine offizielle Formation, die von den Dnepropetrowsker Gebietsbehörden gebildet wird. Die Nachbarregion von Donezk ist unter Gouverneur Igor Kolomojski nämlich zur Hochburg der Separatistengegner geworden. Der Milliardär rüstet mit eigenem Geld Freiwilligentruppen aus.

Gesindel und Idioten

Vize-Gouverneur Boris Filatow spricht von „Gesindel“ und „Idioten“, wenn er über die Bewaffneten in Krasnoarmejsk spricht. Schon an den Uniformen sei zu erkennen, dass das keine offizielle Einheit gewesen sei. „Von mir aus können die sich Galaktische Armee der Jedi-Ritter nennen!“

Im Erdgeschoss der Gebietsverwaltung, ein paar Stockwerke unter Filatows Büro, sitzt Juri Berjosa, Leiter des „Stabs der Nationalen Verteidigung“. Das ist keine staatliche Organisation, und dennoch ist Berjosa für das Aufstellen der Freiwilligentruppen zuständig. Er sagt, die Männer in Krasnoarmejsk seien solche, die sich für den Dienst beworben hätten, aber nicht genommen worden seien. Man habe hohe Anprüche und auf jeden Platz drei Bewerber. Verurteilt er also die eigenmächtige Aktion in Krasnoarmejsk ? „Wie kann ich es verurteilen, wenn Patrioten für ihr Land einstehen?“, entgegnet er.

Alexej und Oleg behaupten, ihre Truppe sei Teil der Territorialverteidigung – oder so gut wie, „das ist bloß noch nicht offiziell“. Es solle angeblich eine Einheit ausschließlich aus Mitgliedern des Rechten Sektors gebildet werden. Auch Dmitri Jarosch, der Chef der Organisation und Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen, kämpfe im Donbass inkognito mit. In Krasnoarmejsk sei er mit dabei gewesen, behaupten die beiden.

Und wie geht es weiter? „Wenn der Krieg zu Ende ist“, sagen die beiden, „dann ziehen wir als erstes nach Kiew und machen dort die dritte Revolution.“