Washington - Barack Obama sitzt entspannt auf seinem Stuhl im Weißen Haus und hat die Hände auf den Oberschenkeln gefaltet. Vor ihm sitzt CNN-Mann Wulf Blitzer, nickt aufgeregt mit dem Kopf und fordert den US-Präsidenten auf, jetzt die Gelegenheit zu nutzen, um in die Kamera zu schauen und Mr. Assad in Damaskus direkt die Meinung zu sagen. Da lächelt Obama kurz auf und erklärt, er werde das nicht machen: „Mr. Assad hat sicher seine Leute, die für ihn jetzt zuschauen.“ Obama will sich nicht herum kommandieren lassen. Nicht während dieses TV-Interviews, das eines von sechs an diesem Tag ist - und eine Generalprobe für die Rede an die Nation, die er am Dienstagabend halten muss. Um den Amerikanern zu erklären, warum er einen Militärschlag gegen Syrien für nötig hält. Obama lächelt noch einmal und deutet an, dass es dazu aber nicht kommen muss. Es klingt beiläufig.

In Wirklichkeit sind das dramatische Sekunden, in denen klar wird, dass der Krieg noch verhindert werden könnte. Obama sagt, er sei für Vorschläge offen. Er finde, der russische Vorschlag, die syrischen Chemiewaffen unter internationale Kontrolle zu stellen, sei „eine positive Entwicklung“. Wenn sie ernst gemeint sei, sagt Obama. Blitzer bewegt wieder ganz aufgeregt den Kopf auf und ab. Er hat schnell begriffen, was das heißt: Obama kämpft den wichtigsten Kampf seiner Präsidentschaft, ist Hauptfigur in einem gewaltigen Werbefeldzug für den Krieg - und sagt ganz beiläufig: Es geht auch ohne Krieg. Wenn die Syrer tatsächlich ihr Giftgas abgeben.

Entscheidende Wendung

Die seit bald drei Wochen geführte Debatte, ob das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad für den mutmaßlichen Giftangriff mit mehr als 1000 Toten militärisch bestraft werden soll oder nicht, wird an diesem Abend um eine vielleicht entscheidende Wendung erweitert. Obama sagt - und es klingt ehrlich: „Wir nehmen das sehr ernst.“ Der US-Präsident weiß: Gelingt die Übergabe der Chemie-Waffen tatsächlich, dann ist er das Problem los, in einen Krieg ziehen müssen, denn er nicht führen will.

Obamas Annäherung an den Bürgerkrieg in Syrien war von Zögern geprägt. Er schaut lange weg, wie die ganze Welt übrigens. Zehntausende von Menschen sind in Syrien bereits gestorben. Dann sagt er den einen Satz, der ihn seither begleitet und ihn ins Dilemma führt.

Es ist der 20. August 2012. Der Präsident taucht im Pressekonferenz-Raum des Weißen Hauses auf, wo sich die Hauptstadt-Journalisten gerade auf das tägliche Briefing mit Obamas Sprecher Jay Carney vorbereiten. Carney sagt: „Sieht so aus, als hätten wir heute einen Überraschungsgast.“ Obama klopft Carney auf die Schulter und sagt: „Jay hat mir gesagt, dass ihr mich vermisst habt. Also dachte ich mir, ich schaue mal vorbei und sage Hallo.“

Es ist Wahlkampf, und in den Wochen zuvor hat Obamas Konkurrent Mitt Romney in den Umfragen zugelegt. Der Präsident muss sich denken, ein wenig mehr Öffentlichkeitsarbeit könne nicht schaden. Nach ein paar innenpolitischen Erklärungen antwortet Obama dann auf die Frage, wie er es denn mit Syrien halte. Er sagt, eine „rote Linie“ sei für ihn dann überschritten, wenn Chemiewaffen in großer Zahl bewegt oder gar eingesetzt würden. „Das würde mein Kalkül verändern“, sagt Obama.#
Zum ersten Mal ist jetzt diese rote Linie in der Welt, und Obama wird fortan immer wieder daran erinnert. Auch wenn er lange darauf hofft, dass sich schon niemand trauen werde, diese Linie zu überschreiten.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Das mutmaßliche Giftgas-Massaker am 21. August dieses Jahres in der Nähe von Damaskus zerschlägt diese Hoffnung. Einen Beweis im klassischen Sinn finden die US-Geheimdienste zwar nicht. Aber Obama sagt ein paar Tage später, er habe ausreichend Belege, dass es die Schergen von Assad waren, die die schreckliche Waffen eingesetzt haben. Der US-Präsident versucht jetzt, die Urheberschaft für die rote Linie abzustreiten. Er sagt, nicht er habe sie gezogen. Die Weltgemeinschaft habe es getan, weil alle sich einig seien, dass der Einsatz von Chemiewaffen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei, das bestraft gehöre. Diese Formel verwendet Obama auch am Montagabend während des TV-Interviews.

Obama, der einmal Verfassungsrecht gelehrt hat, bevor er Politiker wurde, ist ein nüchterner Mensch. Er spricht nicht viel über seine persönliche Motive. Es scheint aber, als könnten es die Videobänder gewesen sein, die ihn dazu brachten, den Angriffsplan zu schmieden. Es sind Bilder von grauenhaften Leid, von den US-Geheimdiensten im Internet gesammelt und inzwischen auch veröffentlicht. Sie zeigen Kinder und Erwachsene, die Schaum vor dem Mund haben, sich vor Schmerzen krümmen und vor den Augen des Betrachters sterben. Während des TV-Interviews sagt Obama erneut, 400 Kinder seien unter den Toten vom 21. August.

Es spräche für den mitfühlenden Obama, wenn er in diesem Moment wütend würde und an Vergeltung dächte. Aber darf sich ein US-Präsident erlauben, Wut und Verzweiflung zum Maßstab seiner Politik zu machen? Muss der Präsident der einzig verbliebenen Weltmacht nicht kühl kalkulieren können? Obama entscheidet sich für eine Mischung aus Moralpolitik und Realpolitik, die seine wichtigsten Berater seit Tagen unter das Volk tragen und vor allem aber hinauf zum Kapitol in Washington, wo die Abgeordneten über den Angriffsplan abstimmen werden.

Diese Geschichte geht so: Die USA müssen handeln, um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden. Wenn es Amerika nicht macht, wer macht es dann? Etwa die Verbündeten jenseits des Atlantiks, die betroffen tun, aber dann doch nichts weiter tun? Und der Nebeneffekt dabei: Nicht nur Assads Regime wird bestraft, sondern andere Despoten werden auch abgeschreckt. Dazu reicht es aus, ein paar Marschflugkörper auf syrische Militäreinrichtungen abzufeuern. Bodentruppen werden nicht eingesetzt, und schon gar nicht soll die Angelegenheit länger als ein paar Tage dauern. US-Außenminister John Kerry spricht sogar von einem „unglaublich kleinen“ Militärschlag. Er wird damit sozusagen zum Erfinder des minimalinvasiven Kriegs.

Die US-Regierung nennt das einen Plan. Ihre Kritiker aber sprechen von fehlender Strategie, von einem Vorhaben, das reine Symbolik sei, eine Gewissensberuhigung für Obama und eine Gelegenheit für Präsidenten, glaubwürdig zu bleiben - siehe „rote Linie“.

Am Samstag vor einer Woche überrascht Obama dann zum ersten Mal alle Beobachter. Er sagt, er wolle sich den Angriffsplan vom US-Kongress absegnen lassen. Das ist einerseits eine Reaktion auf die Niederlage des britischen Premierministers David Cameron im Unterhaus von London, das erstmals in der jüngeren Geschichte dem großen Bruder auf der anderen Seite des Atlantiks die Gefolgschaft verweigert. Andererseits ist das aber auch ein Zeichen dafür, wie sehr Obama mit sich selbst hadert. Er will den Krieg nicht führen, er will das Plazet des Parlaments, auch wenn das das Aus für seine Pläne bedeutet.

Obama steht nun in der Ecke. Andere bestimmen nun über den Präsidenten der letzten verbliebenen Weltmacht. Stimmt der Kongress zu, was nicht wahrscheinlich ist, und gibt Obama den Angriffsbefehl, dann könnten die USA in den nächsten Krieg im Nahen Osten verwickelt werden. Wenige glauben der Geschichte, wonach ein paar Marschflugkörper, die von einem Schiff aus abgefeuert werden, mehr als Symbolik sein könnten. Die Militärs wollen sich - wie immer - nicht festlegen. Und die Mehrheit der US-Bevölkerung fürchtet sowieso, wieder in einem jahrelangen Konflikt am anderen Ende der Welt verwickelt zu werden. 72 Prozent der Befragten Amerikaner glauben nach einer CNN-Umfrage, dass ein begrenzter Militärschlag diese Gefahr birgt.

Wie sich der Zorn des Volkes artikuliert, das hat John McCain vor ein paar Tagen in seiner Heimat Arizona erlebt. Der republikanische Senator, einst Konkurrent Obamas um die Präsidentschaft und entschiedener Befürworter eines Militärschlags gegen Syrien, muss sich auf einer Diskussionsveranstaltung als Vaterlandsverräter beschimpfen lassen, der vor Gericht gestellt werden müsse. Das Umfrageinstitut Gallup ermittelt, dass kein US-Militärschlag in den vergangenen 20 Jahren so unbeliebt war wie der drohende Einsatz in Syrien.

Das Problem ist nicht die Verkaufe, wie PR-Strategen sagen würden. Seit Tagen läuft ein politischer Werbefeldzug, den selbst die Amerikaner so noch nicht erlebt haben. Das Problem ist, dass niemand aus der Regierung überzeugend darzulegen vermag, was nach dem Angriff kommt.

Völlig unklar ist, was geschehen soll, wenn ein Militärschlag das Assad-Regime zu einer weiteren Attacke mit Giftgas animieren sollte. Folgt dann ein zweiter begrenzter Militärschlag? Und was geschieht, wenn der Nahe Osten explodiert, wie es Assad jetzt prognostiziert hat? Das sind alles Fragen, auf die US-Präsident keine Antworten anbietet, die die Abgeordneten und das amerikanische Volk überzeugen.

Stimmt der Kongress aber nicht zu, und der Präsident lässt von seinen Angriffsplänen ab, dann würde sich die US-Bevölkerung zu Recht fragen, was das alles eigentlich sollte. Außerdem könnten sich andere Despoten geradezu herausgefordert fühlen, auch einmal Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Der Gesichtsverlust Obamas auf internationaler Bühne wäre immens. Die Großbritannisierung der USA hätte begonnen.

Um die Verwirrung noch zu erhöhen: Obama sagt nicht, was er machen wird, wenn der Kongress ablehnt. Er könnte den Angriffsbefehl immer noch geben. Das lässt die US-Verfassung zu. Aber zu welchem Preis?

Der Kriegsherr, der keiner sein will, kann jetzt nur hoffen, dass Assad dem Drängen Russlands nachgibt und seine Chemiewaffen schnell abgibt. Das wäre immerhin ein gesichtswahrender Ausweg, der auch die Glaubwürdigkeit des US-Präsidenten nicht ankratzen würde. Im Fernsehen sagt Obama, nun zeige sich, dass allein die Androhung eines Angriffs schon dazu geführt habe, dass sich Syrien und sein Verbündeter Russland bewegt hätten. Ob die Bewegung ausreicht, den Krieg zu verhindern, ist aber unklar. Vor dem CNN-Mann Blitzer sitzt am Montagabend ein Präsident, der weiß, dass jede Entscheidung, die er trifft, unangenehme Konsequenzen hat und im Zweifel falsch ist.