Herr Professor Beyreuther, wie wahrscheinlich ist es, dass Sie oder ich einmal an Alzheimer erkranken werden?Schwer zu sagen. Tatsache ist, dass jeder Mensch irgendwann zum Alzheimer-Patienten wird - wenn er lange genug lebt.Heißt das, man sollte ein langes Leben besser gar nicht anstreben?Doch, natürlich. Mittlerweile wissen wir nämlich, dass sich durch die richtige Lebensweise der Ausbruch von Alzheimer um viele Jahre oder gar Jahrzehnte hinauszögern lässt.Und wie sieht diese Lebensweise aus?Man muss Geist und Körper täglich trainieren und sich möglichst abwechslungsreich ernähren.Das ist alles?Ja. Allerdings bringt nur die Summe dieser Maßnahmen den gewünschten Erfolg; jede für sich ist wirkungslos. Das haben die Ergebnisse der Rotterdamer Studie gezeigt, die vor wenigen Wochen veröffentlicht wurden und auf dem Alzheimer-Kongress zur Sprache kommen werden, der heute in Berlin beginnt. In der Studie sind seit 1990 mehr als 10 000 Probanden, die älter als 55 waren, bis zu ihrem Tod alle drei Jahre untersucht worden.Wie trainiert man den Kopf?Indem man neugierig bleibt. Lesen, ins Museum oder ins Theater gehen, Rätsel lösen oder Gesellschaftsspiele machen - all das hilft. Zweimal eine halbe Stunde am Tag sind ausreichend.Warum ist Hirntraining eigentlich so wichtig?Im Gehirn eines gesunden Menschen kommuniziert jede einzelne Nervenzelle mit bis zu hunderttausend anderen Nervenzellen. Die Kontakte zwischen diesen Zellen müssen gepflegt werden, sonst brechen sie ab.Und was bewirkt Bewegung?Sie regt die Durchblutung an, auch die des Gehirns. Und nur wenn das Gehirn ausreichend durchblutet ist, können Abfallstoffe, die dort ständig entstehen, abtransportiert werden. Reichern sie sich hingegen an, trägt das zum Absterben der Nervenzellen bei. Außerdem ist Bewegung gut fürs Herz.Wie viel Bewegung ist notwendig?Jeder Mensch sollte täglich drei- bis fünftausend Schritte gehen, das entspricht etwa einem halbstündigen Spaziergang. Wer sich einen Schrittmesser zulegt - die Geräte lassen sich unauffällig am Körper tragen und sind für relativ wenig Geld im Sportgeschäft zu haben -, wird vielleicht überrascht sein: Bekannte von mir haben erzählt, dass sie an manchen Tagen nur auf ein paar Hundert Schritte gekommen sind. Das ist definitiv zu wenig.Bleibt noch die Ernährung. Sie sagen, sie soll abwechslungsreich sein - heißt das, im Prinzip ist alles erlaubt?Ja, man darf auch mal sündigen, nur eben nicht jeden Tag. Für den Alltag hat sich eine mediterrane Ernährung bewährt. Sie besteht aus viel Obst, Gemüse und Fisch, dazu pflanzliche Öle, vor allem Oliven- und Leinöl. Fleisch und Milchprodukte sollten eher selten auf den Tisch kommen. Ein Glas Wein am Tag schadet nicht, im Gegenteil.Warum gerade Mittelmeerkost?Das Gehirn braucht, um richtig arbeiten zu können, Omega-3-Fettsäuren, denn sie sind ein wichtiger Bestandteil der Zellmembranen. Enthalten sind sie vor allem in fettem Meeresfisch. Aus Fettsäuren, wie sie in Oliven- oder Leinöl vorkommen, kann der Körper sie auch selbst herstellen. Obst und Gemüse enthalten Substanzen, die Zellgifte abfangen.Was aber ist mit denen, die derartige Ratschläge nicht einhalten wollen - oder können? Dürfen sie auf einen Impfstoff hoffen? Die erste Impfstoff-Studie musste ja vor vier Jahren abgebrochen werden, nachdem einige der Probanden eine Hirnhautentzündung entwickelt hatten.Zurzeit werden mehrere Impfstoffe erforscht, die gegenüber dem ursprünglichen leicht modifiziert sind. Die erste Vakzine bestand eigentlich nur aus dem Eiweiß Beta-Amyloid, das die Alzheimer-typischen Ablagerungen zwischen den Nervenzellen hervorruft.Was bewirkt solch ein Impfstoff?Beta-Amyloid ruft zum einen die Fresszellen des Immunsystems auf den Plan, zum anderen Antikörper produzierende Immunzellen. Beide Zelltypen sorgen dafür, dass sich die Ablagerungen auflösen, die in geringen Mengen schon in frühen Jahren entstehen. Wir wissen heute, dass diese Impfung zumindest bei einem Teil der Patienten das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit um rund fünfzig Prozent verlangsamen konnte.Was ist anders an den neuen Impfstoffen?Die Firma Novartis hat das Beta-Amyloid so verändert, dass es keine Fresszellen mehr anlockt, sondern das Immunsystem ausschließlich dazu anregt, Antikörper zu produzieren. Das Unternehmen Elan beispielsweise verwendet gleich Antikörper. Sie werden in der Maus hergestellt und anschließend an den Menschen angepasst. Ein solcher passiver Immunschutz hält allerdings nur wenige Monate vor und muss dann erneuert werden. Darüber hinaus wird mit DNA-Vakzinen experimentiert, die lediglich die Bauanleitung für das Beta-Amyloid enthalten. Solche Impfstoffe werden im Körper schneller abgebaut und sind daher womöglich besser verträglich.Werden die neuen Impfstoffe schon an Menschen getestet?Zum Teil ja. Novartis sucht derzeit Probanden für eine Phase-II-Studie mit dem modifizierten Beta-Amyloid. Bei der Untersuchung soll der Impfstoff einigen hundert Alzheimer-Patienten verabreicht werden. Elan hat seine Phase-II-Studie mit den Amyloid-Antikörpern bereits gestartet. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden im kommenden Jahr erwartet. Schon jetzt ist klar, dass bei allen Impfstoffen noch einige Hürden zu überwinden sein werden.Welche?Zum einen ist die Immunantwort bei älteren Menschen im Allgemeinen schlechter als bei jüngeren. Zum anderen ist es sehr schwierig, die richtige Impfstoff-Dosis zu finden.Warum ist das so?Weil es bei zu hoher Dosierung leicht zu Hirnblutungen kommt. Das Beta-Amyloid sitzt nämlich nicht nur zwischen den Nervenzellen, sondern auch in den Wänden von Blutgefäßen. Wird es dort abgebaut, entstehen in den Blutgefäßen Löcher.Wie lange wird es dauern, bis solche Probleme gelöst sind?Ich rechne damit, dass ein erster Alzheimer-Impfstoff frühestens in fünf bis zehn Jahren auf den Markt kommen wird, vielleicht auch später. Bis dahin ist jeder für sich selbst verantwortlich.Wie meinen Sie das?Niemand sollte allein auf den Fortschritt der Medizin bauen. Die heutigen Alzheimer-Patienten können nichts für ihre Krankheit. Für sie haben wir Verantwortung zu tragen. Doch alle anderen werden erfahren, wie sie sich vor Alzheimer schützen können. Spätestens nach dem vierzigsten Geburtstag sollte jeder so leben, dass Alzheimer lange in Schach gehalten wird.Interview: Anke Brodmerkel------------------------------Eine EpidemieFast eine Million Menschen in Deutschland leiden zurzeit an Alzheimer. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung rechnen Experten damit, dass sich die Zahl der Patienten bis zum Jahr 2050 verdoppeln wird. Bisher ist Alzheimer unheilbar.Die Krankheit zeichnet sich aus durch einen langsamen Verfall des Gehirns. Zwischen den Nervenzellen von Alzheimer-Patienten finden sich charakteristische Ablagerungen, sogenannte Plaques, aus dem Eiweiß Beta-Amyloid. Die Plaques erschweren die Kommunikation zwischen den Nervenzellen und lassen sie nach und nach absterben.Erste Alzheimer-Symptome sind Vergesslichkeit, Orientierungsschwierigkeiten und eine nachlassende Fähigkeit, sich sprachlich korrekt auszudrücken. Wenn sich die Krankheit bemerkbar macht, sind in betroffenen Hirnregionen schon etwa zwei Drittel der Nervenzellen abgestorben. Das Spätstadium von Alzheimer geht mit einem vollständigen Verlust der Persönlichkeit einher.Konrad Beyreuther (65) ist Professor für Molekularbiologie am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg. Er beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit den molekularen Grundlagen der Krankheit. 1986 entdeckte er das Gen für das Amyloid-Vorläufer-Protein APP, aus dem das schädliche Beta-Amyloid gebildet wird.Beim Kongress der wissenschaftlichen Gesellschaft Alzheimer's Disease International vom 12. bis 14. Oktober in Berlin ist Beyreuther einer der Hauptreferenten. (bro.)------------------------------Foto: "In fünf bis zehn Jahren könnte es einen Alzheimer-Impfstoff geben." Konrad Beyreuther------------------------------Foto: Schach spielen trainiert das Gehirn und hilft somit, der Alzheimer-Krankheit vorzubeugen. Bewegung und gesundes Essen sind aber auch wichtig.