MANILA. Sie passen nicht hierher, die zwanzig Frauen und Männer, die sich in dem feinen Anwaltsbüro in Makati, Manilas Geschäfts- und Botschaftsviertel, versammelt haben. Hier sieht Manila aus wie Frankfurt am Main oder Chicago. Aus dem Fenster fällt der Blick auf Hochhäuser mit Glasfassaden; wer hier unterwegs ist, trägt Anzug oder Kostüm. Die zwanzig Männer und Frauen sind dagegen in billigen Gummischuhen gekommen, in T-Shirts, ausgewaschenen Jeans. Ihren Händen sieht man an, dass sie damit hart arbeiten. Vielen von ihnen fehlen Zähne. Da, wo sie zuhause sind, hat keiner Geld für den Zahnarzt. Ihre kleinsten Kinder haben sie mitgebracht. Ein Baby schläft an der Schulter der Mutter, während diese ihre Unterschrift unter eine Klageschrift setzt, die sich gegen den früheren Bürgermeister von Manila richtet, den die Präsidentin Gloria Magapagal Arroyo vergangenes Jahr in die Regierung holte. Lito Atienza hatte im Jahr 2000 Verhütungsmittel in staatlichen Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen verbieten lassen. Der "Erlass 003" wurde auch von seinem Nachfolger nicht aufgehoben. Das Wort "verbieten" wird darin allerdings sorgfältig vermieden. Vom Gebrauch von Empfängnisverhütungsmitteln sollte "abgeraten" werden, stattdessen sollten natürliche Verhütungsmethoden propagiert werden, heißt es. Ärzten, Krankenschwestern und Hebammen wurde nahegelegt, Ratsuchende gar nicht über künstliche Verhütungsmethoden aufzuklären. Atienza bat sogar Apotheker, keine Kondome und keine Pille mehr zu verkaufen. Diese Verhütungsmethoden seien "eine sehr, sehr destruktive Praxis, die die philippinischen Werte ruiniere". Die philippinischen Werte sind die Werte der katholischen Kirche, die den Gebrauch von Verhütungsmitteln ablehnt. Etwa 80 Prozent der 92 Millionen Philippiner sind katholisch, ein Erbe aus der Zeit, in denen das Land eine spanische Kolonie war. Auch die Präsidentin sagt offen, dass sie für natürliche Familienplanung sei. Aber die zwanzig Männer und Frauen im Anwaltsbüro wollen sich gegen den "Erlass 003" zur Wehr setzen. Sie wollen Klage beim Obersten Gerichtshof des Landes erheben. Jede Minute werden auf den Philippinen drei Kinder geboren, die Geburtenrate liegt bei 3,1 Kindern pro Frau. Das ist selbst für ein südostasiatisches Land viel. Der Zusammenhang zwischen Armut und Kinderreichtum wird nicht zuletzt von den Vereinten Nationen immer wieder betont. Doch Lito Atienza spricht davon, "eine Kultur des Lebens" fördern zu wollen. Auf die Situation in Manila sind auch internationale Organisationen aufmerksam geworden, wie das Center for Reproductive Rights (CRR) mit Sitz in New York, das die Klage unterstützt. "Der Erlass ist rein ideologisch. Er verstößt nicht nur gegen die philippinische Verfassung, sondern auch gegen die Diskriminierungsverbote im UN-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau", sagt Melissa Upreti vom CRR. "Empfängniskontrolle gehört zu den Grundrechten." Die Müllkippe Vitas in Manila ist von weither zu riechen. Und das Haus von Jovilin Marcial und ihrer Familie steht direkt an der Kippe. Es ist aus Bambus und Nipa gebaut, einem Geflecht aus Palmblättern, es besteht nur aus einem Raum. Jovilin Marcial lebt hier mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern, das älteste neun, das jüngste zwei. Sie schlafen auf dem Boden, das Wasser holen sie von einem öffentlichen Hahn. Jovilin Marcial gehört zu den Männern und Frauen, die Klage erheben wollen. Sie ist 35 Jahre alt, sieht aber zehn Jahre älter aus. Ihr Mann sammelte auf der Kippe Plastik und Papier und verdiente damit Geld, bis er Anfang des Jahres begann Blut zu spucken. Nun bleibt er zu Hause. Auf die Frage, was der Arzt sage, lächelt er. Sie hätten gerade kein Geld für den Arzt. "Gerade" sagt er, als wäre das nur eine vorübergehende Situation. Seine Frau muss jetzt alleine die Familie ernähren. Sechs Tage in der Woche pflegt sie eine alte Frau, im Haus einer Familie, die es sich leisten kann, dafür 2 500 Pesos zu zahlen. Das sind nicht ganz 40 Euro im Monat - also 66 Pesos, oder ein Euro am Tag für sieben Menschen. Nach der Definition der Uno ist extrem arm, wer weniger als einen Dollar am Tag hat. Mit solch einem Verdienst ist es unmöglich, 38 Pesos im Monat für die Pille aufzubringen. Es sei wichtiger Essen zu kaufen, sagt Jovilin Marcial. Tatsächlich hängen fast 60 Prozent der philippinischen Frauen, die Verhütungsmittel nehmen, von der Versorgung durch staatliche Stellen ab. Hilfe bekam Jovilin Marcila schließlich in einem Krankenhaus, der philippinischen Nichtregierungsorganisation Likhaan. Dort konnte sie sich sterilisieren lassen. Sonst hätte sie sicher noch mehr Kinder bekommen. Eine ihrer Nachbarinnen hat elf Kinder, die andere 13. Nicht umsonst trägt eine gemeinsame Studie mehrerer Hilfsorganisationen zu der Verhütungsmittelproblematik den Titel "Ins Elend zwingen". "Damit können wir nachweisen, welchen Effekt es hat, wenn Frauen Verhütungsmittel verwehrt werden", sagt die Direktorin des Zentrums für Gesundheit, Recht und Ethik im Bereich der Fortpflanzung (Reprocen), Elizabeth Pangalangan. Sie gehört zu den fünf Rechtsanwälten, die die zwanzig Kläger gegen den "Erlass 003" vertreten. Alle fünf arbeiten in diesem Fall kostenlos. Wegen eines Formfehlers hatte ein Berufungsgericht die im Januar eingereichte Klage vor kurzem abgewiesen. Nun gehen sie vor den Obersten Gerichtshof. Sie berufen sich unter anderem auf die UN-Konvention über die Rechte des Kindes. "Wenn wir vorm Obersten Gerichtshof scheitern, können wir ein internationales Gericht anrufen", sagt Elizabeth Pangalangan. Die Auseinandersetzung um Verhütungsmittel beschäftigt nicht nur die Stadt Manila. Zur Zeit wird über einen Gesetzesentwurf gestritten, der die Familienplanung für das ganze Land einheitlich regeln soll und der vorsieht, Verhütungsmittel wie Kondome oder die Pille in staatlichen Einrichtungen zugänglich zu machen. Die katholische Bischofskonferenz nennt den Entwurf unmoralisch. Er verletze "jeden Begriff von richtig und falsch, gut und böse". Auch die angesichts der hohen Zahl minderjähriger Schwangerer im Entwurf vorgesehene Aufklärung wird von der Kirche kritisiert. Das würde junge Menschen zur Promiskuität ermutigen, sagen die Bischöfe. Selbst britische und amerikanische Pro-Life-Gruppen mischen sich ein. Das Gesetz ebne den Weg zur Abtreibung, erklärt etwa die in London ansässige Gesellschaft zum Schutz ungeborenen Lebens. Doch von Abtreibung ist in dem Entwurf überhaupt nicht die Rede. Wie der Kampf ausgehen wird, ist ungewiss. Bis heute hat den Entwurf nur ein Viertel der Kongress-Abgeordneten unterschrieben. Viele philippinische Politiker stehen auf Seiten der Kirche. Der Abgeordnete Raul del Mar etwa fragt, wie die Regierung Millionen für Verhütungsmittel ausgeben könne, wenn es sich doch dabei um Steuergelder handele und die Steuerzahler Katholiken seien. Die Anwältin Elizabeth Pangalangan kann darüber nur den Kopf schütteln. "Hier hat jemand zwar einen Eid auf die Verfassung geschworen, aber offenbar nicht verstanden, dass die Philippinen ein säkularer Staat sind." Verständnisvolle Nonnen In der Anwaltskanzlei haben die 16 Frauen und vier Männer die neue Klage unterschrieben. Die Stimmung ist gelöst. Es gibt eine Merienda, einen kleinen Imbiss. Eine der Frauen trägt ein Kreuz um den Hals. Emma Monzaga hat sieben Kinder, sie erzählt, dass sie in einem Slum in Tondo wohnt. Sie engagiert sich in der Gemeinde und nimmt die Pille. Geht das denn zusammen? "Ja natürlich", sagt sie, "die Nonnen machen sich eher Sorgen, dass ich noch mehr Kinder bekomme. Sie sind nicht gegen Familienplanung." Die fünffache Mutter Jovilin Marcial erklärt: "Es wäre nicht gesund für uns, noch mehr Kinder zu bekommen". Dann schaut sie zu der Anwältin hinüber und sagt: "Vielleicht kann ja eines meiner Kinder eines Tages auch Anwalt werden." An einem Tag, an dem eine Frau von der Müllkippe Klage beim Obersten Gerichtshof erhebt, scheint alles möglich. ------------------------------ Religion und Geburtenkontrolle Papst Paul VI. verkündete 1968 seine Enzyklika "Humanae vitae", nach der katholischen Gläubigen der Gebrauch "künstlicher" empfängnisverhütender Mittel untersagt wird. Benedikt XVI. bekräftigte diese strikte Haltung. Die einzige zulässige Verhütungsform sei "die Beobachtung der natürlichen Rhythmen der Fruchtbarkeit der Frau", erklärte er im Oktober. Der Islam lehnt Familienplanung nicht grundsätzlich ab. So hat etwa der Iran die höchste Verhütungsrate aller islamischen Länder. 73 Prozent der iranischen Frauen verhüten. ------------------------------ Karte: PHILIPPINEN ------------------------------ Foto: Säuglingsstation in Manila. Die Geburtenrate liegt bei 3,1 Kindern pro Frau.