Wer Halle durchstreift, fühlt sich oft wie auf einer Reise in die Vergangenheit. Kleine und große Fachwerkhäuser, wuchtige Renaissanceportale, klassizistische Wandfriese und Jugendstilfassaden fügen sich zu einem anmutigen Straßenbild. Halle kann auch heute noch mit einer Altstadt aufwarten, wie sie kaum eine andere deutsche Großstadt zu bieten hat. Dies ist das paradoxe Resultat der DDR-Baupolitik. Denn sie ließ zwar weite Teile der im Krieg kaum zerstörten Altstadt verfallen, verzichtete aber auch auf größere Umbauten oder Abrisse. Die Altstadt wurde zu einem Refugium, in dem selbst nach der Enteignungswelle von 1972 noch kleinere Läden und Handwerksbetriebe ihre Nische fanden. Ein massiger BaukörperDoch jetzt soll mitten in dieser immer noch vom Verfall bedrohten Idylle ein modernes Warenhaus gebaut werden. An der Nordostecke des Marktplatzes, dort, wo heute noch das schon lange geschlossene Hotel Goldener Ring steht, plant das Kölner Büro Kister/Scheithauer/Gross einen Kaufhof-Neubau mit einer Nutzfläche von rund 10 000 Quadratmetern. Der Ort ist geschichtsträchtig, stand doch hier bis zu seiner Zerstörung 1945 der prächtige Renaissancebau der Ratswaage. Gegenüber erhob sich das ebenfalls 1945 zerstörte Rathaus, dessen Wiederaufbau derzeit diskutiert wird. Doch den Architekten gelang es nicht, das Warenhaus altstadtverträglich zu entwerfen. Der geplante massige Baukörper - aufgebrochen mit schmalen Schlitzen und großen Fenstern, verkleidet mit wechselnd dicken Muschelkalksteinplatten - wird alle Nachbargebäude überragen und dominieren. Außerdem gehen die Veränderungen weit über ästhetische Fragen hinaus. Denn zusammen mit dem bereits 1994 errichteten Kaufhof-Warenhaus an der Nordseite des Marktes wird der Neubau eine riesige Warenhaus-Front bilden, die die bisherige bauliche und kommerzielle Vielfalt am Markt bedroht. Schon hat auch Konkurrent Karstadt die Forderung nach einem eigenen Warenhausneubau erhoben, der selbstverständlich ebenfalls am Markt entstehen soll. Dem Kaufhof-Neubau muss das denkmalgeschützte Hotel Goldener Ring weichen. Von dem Gebäude, das noch mit Kassettendecken, Treppengeländern und Stuck aus dem Jahr 1903 aufwarten kann, soll nur die Marktfassade übrig bleiben, als Dekorum des Neubaus. Auch deshalb lehnen viele Denkmalschützer und Bürgerinitiativen den Kaufhof-Neubau ab. Von der Stadtverwaltung wird das Projekt dagegen befürwortet. Der Streit um das Warenhaus wird auch deshalb so erbittert geführt, weil sich hinter ihm der grundsätzliche Konflikt um die Zukunft der Altstadt verbirgt. Soll das Streben nach kurzfristiger Wirtschaftlichkeit dem Erhalt eines einmaligen Altstadtensembles vorgezogen werden? Bisher hat sich die Stadtverwaltung meist für die Wirtschaftlichkeit entschieden. Schon seit mehreren Jahren forciert sie den Bau großer Einkaufszentren in der Altstadt, von denen sie sich Steuereinnahmen und Arbeitsplätze erhofft. Die ersten Projekte - wie die Stadtgalerie Rolltreppe, die Händelgalerie und die Ritterhaus-Passage - sind bereits fertig gestellt. Man erhofft sich damit eine bessere Position gegenüber den Einkaufszentren im Umland.Die neuen Altstadt-Einkaufszentren bieten zwar wettergeschütztes Einkaufsvergnügen in klimatisierten Passagen. Doch ihnen fehlt jene Unverwechselbarkeit, die die hallesche Altstadt bisher ausgemacht hat und die das beste Argument gegen die standardisierten Shopping-Malls auf der Grünen Wiese ist.Währenddessen werden denkmalgeschützte Altbauten abgerissen, weil ihre Sanierung unrentabel erscheint und niemand bereit ist, die Besitzer an ihre Erhaltungspflicht zu binden. Ganz im Gegenteil: Schon seit Jahren fordert Halles Planungsdezernent Friedrich Busmann eine Lockerung des Denkmalschutzes für die Altstadt; wie viele seiner Kollegen behauptet er ohne jeden Beleg, Denkmalschutzauflagen würden Investoren abschrecken.Die Braunschweiger SackgasseIn der Praxis wird der Denkmalschutz längst ignoriert. Die spätbarocken Bürgerhäuser am Kaulenberg verschwanden ebenso wie die Barockhäuser an der Mansfelder Straße und das barocke Wohnhaus Zur Schützei in der Kleinen Ulrichstraße. In der Großen Steinstraße, der Schulstraße und der Mittelstraße wurden Bürgerhäuser aus dem 18. Jahrhundert abgerissen. Andere Baudenkmäler gingen durch Einsturz verloren. Erst Anfang Juni ist ein frühklassizistisches Bürgerhaus an der Mauerstraße zusammengebrochen, weil über Jahre jede Instandhaltung versäumt wurde. Weitere Baudenkmäler - wie drei Wohnhäuser in der Mittelstraße, von denen eines aus dem Jahr 1500 stammt - sind vom Einsturz bedroht. Mit den Häusern gehen die kleinen Geschäfte und viele Wohnungen verloren; die Menschen verlassen die Altstadt, kommen nur noch zum Arbeiten und Shoppen. Halle macht alle Fehler der Citybildung nach, die in Westdeutschland so manche Mittelstadt wie etwa Braunschweig in den 60er-Jahren hinter sich brachte - und heute teuer zu beheben versucht.Umstrittenes Projekt // Das Architekturbüro Kister/Scheithauer/Gross aus Köln baute in dieser Stadt unter anderem den Media Park sowie den U-Bahnhof Wiener Platz. Auch in Halle stehen zwei Gebäude der Architekten: Das Handelshaus-Karree und die Biologischen Institute der Martin-Luther-Universität auf dem Weinberg.Halle an der Saale ist mit 250 000 Einwohnern die größte Stadt Sachsen-Anhalts. Die Altstadt überlebte zu großen Teilen den Krieg und die DDR-Baupolitik. Ein Wiederaufbau des 1945 zerstörten Rathauses wird zurzeit diskutiert.KISTER/SCHEITHAUER/GROSS Der Kölner Entwurf für den Kaufhof-Neubau in Halles Altstadt