Einsamkeit kann zum Problem werden - auch im Alltag einer Massenuniversität. Davon weiß etwa Jochen Kunzmann zu berichten. Er kam 1986 nach Berlin, um an der Freien Universität (FU) Lateinamerikanistik zu studieren. Seinen Studieneinstieg hatte er sich etwas anders vorgestellt: "Ich hab' mich in den ersten zwei Jahren an der Uni sehr verloren gefühlt. Die waren furchtbar für mich", so der Doktorand heute. "Ich bin zwar zu den Orientierungsveranstaltungen gegangen, aber trotzdem verloren durch die Gänge geirrt. Keiner konnte mir helfen. Von der administrativen Seite her fühlte ich mich total alleingelassen. Hinzu kommt, daß ich nicht unbedingt der Typ bin, der Leute anspricht. Es fiel mir deshalb schwer, Kontakte zu Kommilitonen aufzubauen." Vorteil Arbeitsgruppe Jochen steht mit seinen Erfahrungen nicht allein. Jährlich beginnen Tausende ein Studium an einer von Berlins Universitäten. Vor allem in den sogenannten Massenfächern wie Germanistik, Geschichte, Politologie und Publizistik fühlen sich Studieneinsteiger schnell isoliert. Etwas besser geht es da Studierenden an kleineren Fachbereichen, die ein familiäres Ambiente bieten, sowie künftigen Naturwissenschaftlern, die von Beginn ihres Studiums an eng in Arbeits- und Laborgruppen studieren und so leichter den Kontakt zu Kommilitonen finden. Oft sind es Anfänger Daß Einsamkeit für viele Studierende ein Problem darstellt, bestätigt auch Ursula Steinbuch. Die Diplompsychologin ist Mitarbeiterin in der Psychologischen Beratung der Freien Universität. Ihrer Erfahrung nach lassen sich Studierende, die sich an der Universität isoliert fühlen, in drei Gruppen unterteilen: Oft sind es Studienanfänger, die frisch nach Berlin kommen und die Einführungswoche verpaßt haben. Sie steigen so bereits mit einem Informationsdefizit in den Universitätsalltag ein, fühlen sich unsicher. "Das führt dann oft zu einem emotionalen Rückzug dieser Studierenden", so die Psychologin, "die Betroffenen bemühen sich gar nicht mehr um Anschluß und isolieren sich mehr und mehr." Gegen-Strategien Unter Einsamkeit an der Uni leiden nach Steinbuchs Einschätzung oft auch Studierende, die zum Beispiel durch nichtbestandene Prüfungen den Anschluß ihrer Kommilitonen verloren haben. Unter den Jüngeren fühlen sie sich dann häufig unsicher. Sie bauen deshalb wenig neue Kontakte auf.Als dritte Gruppe sind ihrer Erfahrung nach Langzeitstudierende auszumachen, die "irgendwie den Tritt verloren haben", sei es weil sie nebenbei einen festen Job haben, oder etwa ein Kind versorgen müssen. Einmal aus dem Rhythmus gekommen, fällt es ihnen schwer, sich wieder einzugliedern. "Generell gilt", so die Psychologin, "daß es Aktivität und Überwindung erfordert, wenn man den Anschluß wiederfinden will."Jochen Kunzmann führt im Rückblick verschiedene Gründe für seine Einsamkeit an der Uni an: "Teils waren es die Bedingungen der Massenuni, teils meine Persönlichkeitsstruktur", so der Doktorand. "Zum großen Teil war aber auch meine damalige Lebensstruktur daran schuld: Ich hatte damals noch eine Freundin in Westdeutschland und bin deshalb jedes zweite Wochenende nach Hause gefahren. Auch die Semesterferien habe ich meistens zu Hause verbracht, um dort zu jobben. Das führte natürlich dazu, daß ich hier kaum Leute kennenlernte. Abends habe ich dann meist gelesen oder ich bin allein ins Kino gegangen. Das war schon eine schlimme Zeit." Jochens Situation änderte sich schlagartig mit dem Uni-Streik im Wintersemester 1988/89. Er fand festen Anschluß an mehrere Kommilitonen und lernte auch seine jetzige Freundin kennen. "Von den Freundschaften zehre ich heute noch", berichtet Jochen.Um einer Isolation an der Uni vorzubeugen bzw. sie zu beseitigen, gibt es Strategien. "Wichtig ist zunächst", so Ursula Steinbuch, "zu erkennen, daß man mit seinem Problem nicht allein dasteht, und daß man etwas dagegen tun kann." Eine gute Gelegenheit, Leute kennenzulernen und Unsicherheit abzubauen, bieten zum Beispiel Einführungs- und Orientierungsveranstaltungen, die zum Semesteranfang von allen Fachbereichen angeboten werden. Entscheidend ist es aber auch, persönlich die Initiative zu ergreifen. "In der Schule waren Kontakte selbstverständlich, an der Uni muß man sich aktiv darum bemühen", so die Diplompsychologin. So ist es ihrer Meinung nach wichtig, bewußt auf die Leute zuzugehen. Die Teilnahme an Arbeitsgruppen etwa kann ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Ihr Rat: "Nur nicht entmutigen lassen. Man kann sich ja zum Programm machen, jeden Tag eine Person anzusprechen." +++