BERLIN. Gerade hat Werner von Moltke Post bekommen. Noch frisch ist das Fax, das den Präsidenten des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) am Mittwoch erreicht. Rubén Acosta, korruptionserfahrener Präsident des Weltverbandes (FIVB), teilt dem deutschen Kollegen darin gönnerhaft mit, dass er die Bewerbung Berlins um eine Olympiaqualifikation im Frühjahr 2008 akzeptiere. Entschieden werde über die Austragungsorte allerdings erst nach dem FIVB-Kongress, der im Oktober 2006 in Tokio tagt. Damit ist eigentlich schon gesagt, wie sich die DVV-Abgeordneten auf dem Kongress benehmen: "Wer eine Qualifikation haben will, muss ganz ruhig sein", weiß Werner von Moltke. "Wer rebellisch ist, hat gar keine Chance."Von Moltke hat sich zwar einige Male mit dem Mexikaner Acosta gestritten, aber so weit, sich in Totalopposition zum Sonnenkönig zu begeben oder gar eine Revolution anzuzetteln, so weit würde er natürlich nicht gehen. Diese Art des Opportunismus dominiert den Weltsport, und deshalb können korrupte Herrscher reichlich unangetastet regieren, wie sich an mehreren brandaktuellen Fällen zeigt."Stark wie eh und je"Rubén Acosta, 72, musste wegen der Verquickung von privaten, geschäftlichen und "ehrenamtlichen" Interessen zwar seinen Posten als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) räumen, er kassierte viele Millionen Dollar (Dokumente sind nachzulesen unter www.volleygate.com), doch in der FIVB wird er im Oktober für weitere vier Jahre zum Präsidenten ernannt. Denn Acosta, im Amt seit 1984, ist einziger Kandidat. "Damit ist die Sache gebongt", sagt von Moltke, "er ist stark wie eh und je."In der FIVB leisten Vorstandsmitglieder traditionell sogar einen Eid auf den Präsidenten. "Das ist ja auch so ein Novum", sagt von Moltke, "die Opposition kommt nicht mit ihrer Demokratiegeschichte durch." Dumm auch, dass die Opposition vom ehemaligen FIVB-Generalmanager Jean-Pierre Seppey angeführt wird, der Acostas Treiben immer unterstützt hat. Inzwischen aber haben sich die Wege getrennt. Seppey und Acosta streiten vor Gericht um Millionen und werfen sich gegenseitig ein Leben in Saus und Braus vor. "Wie Pest und Cholera", sagt von Moltke. Es geht um die Insignien von Korruption und Macht: um Luxusvillen, Limousinen, dubiose Verträge, Champagner, Kaviar, Edelhuren. Auf der FIVB-Vollversammlung wird darüber nicht debattiert. An Aufklärung sind die Kameraden nicht interessiert - und Kontrollinstanzen gibt es nicht. Seppey will nun gemeinsam mit anderen Abtrünnigen Ende November in Kopenhagen eine Alternativ-Weltorganisation (FIABVB) gründen.Ein zweites Beispiel: Anfang November tanzt in der Karibik der Kongress des Amateurbox-Weltverbandes (AIBA). Präsident Anwar Chowdhry, ein 82-jähriger Pakistani, amtiert seit 1986. Schon damals ist er unter skandalösen Umständen an die Macht gekommen. Wahlen, nun ja, die gibt es nicht wirklich. Chowdhry & Co. haben die Stimmen eigentlich immer gekauft. 1998 in Antalya konnte man das "Wahlergebnis" am Vorabend an der Hotelbar erfahren.Chowdhry hat diesmal aber Probleme, seine Regentschaft fortzusetzen. Das IOC hat der AIBA, die ihre Ausgaben nicht sauber dokumentieren kann, zumindest einmal die TV-Zahlungen für die Olympischen Spiele 2004 gesperrt. Angeblich soll der Olympiastatus des Boxens wieder auf der Kippe stehen, niemand weiß es so recht. Man weiß aber, dass der Taiwanese Wu Ching Kuo gegen Chowdhry kandidiert. Wu ist IOC-Mitglied, hat einen guten Leumund und müht sich seit Jahren um Reformen in der AIBA. In seinem Wahlprogramm (siehe www.boxingspecial.org) tauchen Vokabeln auf, die in der AIBA nahezu unbekannt sind: Buchführung und Transparenz etwa. Ein weiterer Kandidat ist der usbekische AIBA-Vizepräsident Gafour Rachimow, und das ist fatal. Rachimow wurde einst von Chowdhry protegiert. Für die Geschäfte des Usbeken interessieren sich Sonderermittler in aller Herren Länder. Er gilt als Führer der organisierten Kriminalität und kontrolliere die Drogenproduktion in den Ländern Zentralasiens, heißt es in Ermittlungsakten. Rachimow wurde im September 2000 die Einreise nach Australien zu den Olympischen Spielen verwehrt. Einwanderungsminister Phil Ruddock bezeichnete ihn als Gefahr für die "Sicherheit des australischen Volkes". Sportfreund Rachimow, der sich auch für andere olympische Sparten interessiert, will nun in der AIBA die Macht übernehmen.Wer weiß, vielleicht hat er sich gewendet und macht jetzt ultrasaubere Geschäfte. Rachimow argumentiert gern, er sei noch nie vor einem ordentlichen Gericht verurteilt worden. In Usbekistan, diesem Hort der Korruption, wird ihm auch künftig kaum etwas passieren. Selbst wenn, Präsident eines Sport-Weltverbandes kann er dann immer noch bleiben, wie ein anderer Fall belegt: Park Yong Sung wurde in seiner Heimat Südkorea zwar wegen Korruption zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, als Chef des Judo-Weltverbandes (IJF) aber bleibt er reichlich unumstritten. In der Szene findet man das auch in Ordnung so. "Das war eine Geschichte aus seinem Privatleben", sagt Reinhard Nimz, Generalsekretär des deutschen Verbandes: "Das hat nichts mit Sport zu tun." Eben.------------------------------Zahlreiche ProblemfälleAIBA: Dem Amateurbox-Weltverband wurden vom IOC die Zuschüsse gesperrt. Buchführung ist in der AIBA quasi inexistent, im Lauf der Jahre wurden hohe Millionensummen veruntreut. Trotzdem will Anwar Chowdhry (Pakistan) seine seit 1986 währende Amtszeit fortsetzen.FIVB: Im Volleyball-Weltverband hat Sonnenkönig Rubén Acosta Dutzende Millionen Dollar kassiert. Er wird sich im Oktober trotzdem wieder zum Alleinherrscher küren lassen - natürlich ohne Gegenkandidaten.IJF: Präsident Park wurde in Korea wegen Korruption verurteilt - Judo-Verbandsboss bleibt er trotzdem.FIFA: Im Fußball-Weltverband handelte Vizepräsident Jack Warner verbotener Weise mit WM-Tickets und machte Traum-Profite. Kein Grund, ihn seines Amtes zu entheben.------------------------------Foto: Wie einst Don Corleone: der Mexikaner Rubén Acosta, millionenschwerer Volleyball-Pate.