NEUPETERSHAIN - Udo Horn blättert in einem Fotoalbum: André in Bundeswehruniform, André im Feldlager, André vor dem Küchenzelt, und auf einer Silvesterfeier. Die Fotos hat André Horn selbst beschriftet. 23 ist er, als er das Album von seinem Einsatz in Prizren im Kosovo anlegt. Ein kräftiger großer Mann mit Bart und Brille, der auf beinahe jedem Foto lacht.

„Mit Pauken und Trompeten haben sie die Jungs damals verabschiedet, in der Kaserne in Marienberg“, erzählt Udo Horn. „Sie gingen in den Kosovo, Kfor, im November 1999.“ Die ganze Truppe war vorher schon mal in Bosnien im Auslandseinsatz gewesen. „Und der André wollte noch mal mit raus, was wir gar nicht so gut gefunden haben“, sagt er. Aber der Sohn habe ihn und seine Frau beruhigt: Es sei doch nur für vier Monate, dann sei seine Dienstzeit sowieso um.

Das letzte Bild in dem Fotoalbum ist vom Januar 2000 und zeigt André Horn mit Stahlhelm. Lächelnd steht er zwischen Militärfahrzeugen. Dann folgen nur noch leere Seiten. „Der André war gern dort, glaube ich“, sagt der Udo Horn. „Wer hätte denn auch wissen können …“ Er verstummt.

„Bin topfit, außer etwas Husten“

Udo Horn ist 66 Jahre alt, ein kräftiger, massiger Mann. Er hat dreißig Jahre lang gearbeitet, als Schweißer und Schlosser. Harte Arbeit. Bis sein Sohn starb im Kosovo, am 31. Januar 2000. „Da bin ich zusammengebrochen“, sagt er. 14 Jahre ist das nun her. Doch der Schmerz hat Udo Horn nie mehr losgelassen. Er sitzt so tief wie die Zweifel daran, dass der Tod seines Sohnes eine Folge unglücklicher, unvermeidbarer Umstände gewesen sein soll.

Vorsichtig nimmt Udo Horn einen Brief vom Tisch. „Den haben wir am 20. Januar 2000 bekommen“, sagt er. „Es ist der letzte Brief von André.“ Er liest vor, mit stockender Stimme: „Hallo Ihr Drei! Bei uns hier ist eine große Krankheitswelle ausgebrochen und sehr viele sind schon flachgelegt. Ich bin zur Zeit noch topfit, außer etwas Husten!“ Udo Horn legt den Brief auf den Tisch zurück. „Etwas Husten“, sagt er und lacht bitter. „Elf Tage später war er tot.“

Offiziell ist der junge Mann an einer Meningokokken-Infektion gestorben, einer bakteriellen Hirnhautentzündung. So hat es das Bundesverteidigungsministerium den Eltern ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Sohnes mitgeteilt. Eine tückische Krankheit kann das sein, sie schreitet rasant voran und kann den Patienten, wird er nicht rechtzeitig mit Antibiotika behandelt, innerhalb weniger Stunden töten. Das Ministerium hat eingeräumt, dass die Ärzte im Feldlazarett die Infektion bei André Horn nicht erkannt hätten, weil sie atypisch verlaufen sei. Die Therapie der behandelnden Ärzte sei dennoch nicht zu beanstanden.

Es ist still in dem Haus in Neupetershain in der Lausitz. André Horns Mutter ist auch da, doch sie möchte nicht über ihren Sohn sprechen, es ist zu schwer. Der Vater schaut auf den Brief. Seine Unterlippe zittert. „Mein Sohn könnte noch leben. Wenn er richtig behandelt worden wäre“, bricht es aus ihm heraus. Er nimmt einen Packen Papier vom Tisch und wedelt damit durch die Luft. „Ich habe die jetzt angezeigt“, sagt Udo Horn. „Ich lass die nicht davonkommen.“

13 Seiten ist die Anzeige lang, die er bei der Cottbuser Staatsanwaltschaft eingereicht hat. Sie richtet sich gegen den früheren Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière und seine fünf Amtsvorgänger. Vertuschung und unterlassene Hilfeleistung wirft Udo Horn den Politikern darin vor. Die Anzeige hat 19 Anlagen – Soldatenbriefe, die von Mängeln in der medizinischen Versorgung in Prizren berichten; Arztberichte, die die Verwirrung der Mediziner über das Krankheitsbild von André Horn widerspiegeln; Behördenvermerke, aus denen die Gefährdung von Soldaten durch Uranmunition und Umweltverseuchung im Kosovo hervorgeht; Gutachten, die eine andere Todesursache des Hauptgefreiten nahelegen – nämlich eine Vergiftung durch Uranstaub oder Schwermetalle.

Tatsächlich weisen die Krankheitssymptome, die André Horn an seinem Todestag zeigte, nicht auf eine Hirnhautentzündung hin. Am Morgen des 31. Januar 2000 hatte er Fieber und Schüttelfrost, in der Nacht hatte er sich zweimal übergeben müssen. Die Ärzte tippten zunächst auf Gastroenteritis, also Magen-Darm-Entzündung, und wiesen ihn ins Feldlazarett ein. „Kein Meningismus“, heißt es ausdrücklich in einem Arztprotokoll – also keine Nackensteifigkeit, die auf eine Hirnhautentzündung hindeuten würde. André Horn bekam Paracetamol 1000, Tee und Zwieback.

Bis 15 Uhr kollabierte der Hauptgefreite dreimal, immer dann, wenn er vom Bett aufzustehen versuchte. Am Nachmittag schließlich gingen die Ärzte von einer atypischen Lungenentzündung aus, die zu dieser Zeit im Feldlager grassierte. Aber auch das war offenbar die falsche Diagnose. Der junge Soldat starb den Ärzten unter den Händen weg.