Eine wesentliche Aufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens ist es, Epidemien im Anfangsstadium zu erkennen und einer weiteren Ausbreitung vorzubeugen. Möglichst, bevor ein sprunghafter Anstieg von Krankheitsfällen den Beginn einer Epidemie signalisiert.Bei der Grippe klappt das noch nicht: Um etwa herauszufinden, ob sich eine neue Variante des Influenza-Virus ausbreitet, machen ausgewählte Ärzte von Patienten mit Verdacht auf Grippe einen Rachenabstrich und schicken diesen an ein Referenzzentrum. In Berlin werden die Proben analysiert und die positiven Ergebnisse in ein elektronisches Register gestellt. Hier wird dann die Anzahl der Neuerkrankungen pro Zeiteinheit (typischerweise eine Kalenderwoche) bezogen auf eine standardisierte Bevölkerung (meist 100000 Einwohner) berechnet. Dieser Messwert ist der einzig zuverlässige Indikator, um zeitliche oder räumliche Trends bei der Ausbreitung einer Epidemie zu erkennen.Dieses Verfahren hinkt zwangsläufig den tatsächlichen Ereignissen hinterher. Französische und spanische Wissenschaftler haben unabhängig voneinander herausgefunden, dass es eine andere Möglichkeit gibt, um infektionsmedizinische Trends aufzuspüren. Grundlage sind die von der Suchmaschine Google in einer separaten, für jedermann zugänglichen Datenbank gespeicherten Anfragen (Google Insights for Search), die Tag für Tag rund um den Globus an den Internetgiganten gestellt werden.Durch eine geschickte Kombination der von den Fragestellern benutzten Suchbegriffe konnten die Forscher eingrenzen, an welcher Krankheit die Benutzer interessiert waren. Die Anzahl der Treffer pro Woche wurde dann mit der tatsächlichen Häufigkeit der betreffenden Krankheit - den offiziellen Daten - verglichen.Laien informieren sich im NetzWährend die spanischen Wissenschaftler überprüften, ob die Suchworte Grippe und Windpocken die tatsächlichen Meldezahlen widerspiegelten, analysierten die französischen Ärzte zusätzlich das Verhältnis von Durchfall mit den meldepflichtigen infektiösen Darmerkrankungen. Für alle drei Krankheiten ergab sich eine statistisch signifikante Beziehung zwischen der Anzahl der Anfragen an die Suchmaschine und der tatsächlichen, von der jeweiligen Gesundheitsbehörde registrierten Häufigkeit.Die Studien zeigen, dass Laien, unabhängig vom Sprach- und Kulturraum, das Internet nutzen, um sich über eine Krankheit zu informieren, von der sie meinen, dass sie sie haben - oder von der sie fürchten, dass sie sich bei Ihnen gerade entwickelt. Phänomenal ist die Beobachtung, dass die Häufigkeit der Anfragen zum Thema Grippe nicht zeitversetzt mit der tatsächlichen Häufigkeit zunahm, sondern in Frankreich zeitgleich und in Spanien sogar zwei Wochen im Voraus das Entstehen einer Epidemie anzeigte.Für die Windpocken, eine reine Kinderkrankheit, waren Trends zeitverzögert um sieben bis 14 Tage, aber ebenfalls in überzeugender Klarheit sichtbar. Damit haben die Gesundheitsbehörden ein nahezu kostenloses Instrument, um Epidemien frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu planen.