EBERSWALDE, 6. Juni. Wenn Helmut Mittelstädt aus dem Fenster des Bürogebäudes schaut und seinen Blick über die Werkshallen schweifen lässt, dann kann er in der Ferne ein Relikt aus einer anderen Zeit sehen. Drüben, am Gelände der Landesgartenschau, steht der "Montage-Eber", ein Wahrzeichen der Stadt Eberswalde. Fast 60 Meter ist der Industriekran hoch. Von 1954 bis 1990 verrichtete er hier auf dem Gelände des Kranbaus Eberswalde (KE) seinen Dienst und half den Beschäftigten beim Zusammensetzen der Hebeanlagen. "Dann wurde er überflüssig", sagt Mittelstädt. Zur Landesgartenschau im vergangenen Jahr schließlich schafften die Eberswalder den Koloss hinaus zum Ausstellungsgelände - als Aussichtsplattform und Denkmal.Der Montage-Eber ist nicht nur ein Symbol für die Industrie-Tradition der Stadt im Landkreis Barnim. Er ist auch ein Symbol dafür, wie sich das Unternehmen Kranbau Eberswalde selbst in den vergangenen 13 Jahren verändert hat.Ein großes Ingenieurbüro KE ist seit mehr als einhundert Jahren ein Vorzeige-Unternehmen der Stadt - und in heutiger Zeit einer der wenigen verbliebenen industriellen Kerne in Eberswalde. Das ist wichtig in einer Region, in der fast jeder Vierte keinen Job hat. Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung gab der Betrieb 3 500 Menschen Arbeit. Heute hat er noch 150 Beschäftigte, zum größten Teil Ingenieure und Kaufleute, nur zum kleineren Teil Facharbeiter. Sie planen und konstruieren Krane und Container-Verladebrücken für See- und Binnenhäfen. Auch Krane für die Metallurgie-Branche kommen aus Eberswalde. Ein großes, spezialisiertes Ingenieurbüro mit kleiner Produktionsabteilung, wenn man so will. Die Firma genießt weltweit einen guten Ruf und bedient Kunden in Europa, Russland, Nahost und Asien. Im Geschäft mit Drehkranen ist KE nach Angaben Mittelstädts Weltmarktführer.Auch bis zur Wende war Kranbau Eberswalde der Fachwelt ein Begriff. Tausende von Kranen gingen in alle Welt. KE war damals Bestandteil des Leipziger Anlagenbaukombinats Takraf. Fast sämtliche Komponenten wurden im Werk gebaut, die Anlagen dort auch zusammengesetzt. "Die Fertigungstiefe war enorm", sagt Mittelstädt. KE hätte so in der Marktwirtschaft kaum überleben können und musste sich radikal verkleinern.Heute lässt KE bis auf die High-tech-Komponenten wie Fahrwerke, Drehplattformen und das Maschinenhaus inklusive Elektrotechnik und Steuerung die Einzelteile seiner Anlagen zuliefern. Auch den Stahlbau übernehmen Fremdfirmen. Montiert wird direkt vor Ort beim Kunden, also in den Häfen dieser Welt. Einen Montage-Eber braucht man da in Eberswalde nicht mehr.Nach dem gewaltigen Schrumpfungsprozess des vergangenen Jahrzehnts ist KE ein kleines, aber feines Unternehmen geworden. Eigentümer ist seit 1997 der Leipziger Kranspezialist Kirow, der wiederum zur Oberhausener Koehne-Gruppe gehört. 1994 war KE zunächst von der Treuhand an Vulkan Kocks gegangen, eine Tochter des Bremer Schiffbaukonzerns Vulkan. Nach dem Zusammenbruch des Mutterkonzerns musste KE jedoch erneut verkauft werden. Helmut Mittelstädt selbst kommt von Kocks Vulkan. Seit fünf Jahren führt der 55-jährige Bremer und gelernte Maschinenbauer die Geschäfte in Eberswalde.15 bis 20 Krane oder Verladebrücken kann KE heute pro Jahr liefern. Der Stückpreis liegt je nach Größe bei 1,5 bis drei Millionen Euro. Insgesamt erzielt KE einen Umsatz von rund 35 Millionen Euro pro Jahr. "Wir sind Mittelständler", betont der Geschäftsführer.Doch auch wenn KE im Krangeschäft einen guten Ruf hat, bedeutet dies nicht, dass die Gewinne nur so sprudeln. Die Gewinnspannen im Anlagenbau sind relativ gering. Die Kunden versuchen die Preise zu drücken, zudem macht sich immer stärker die Billiglohn-Konkurrenz aus Fernost bemerkbar. Es hat bis 1999 gedauert, bis KE erstmals einen kleinen Gewinn ausweisen konnte. Inzwischen pendele das Unternehmen "um die schwarze Null herum", wie Mittelstädt sagt. Im laufenden Jahr werde es allerdings schwierig, ohne Verlust abzuschließen. Von dem Konjunktureinbruch in Folge der Terror-Anschläge vom 11. September 2001 war KE zwar nicht so stark betroffen. Dafür bekam das Unternehmen jüngst aber die Auswirkungen der Sars-Epidemie in Asien zu spüren: Drei Projekte in Vietnam verzögerten sich, weil die Verträge nicht rechtzeitig abgeschlossen werden konnten. Dies bedeutet, dass KE die Einnahmen erst später als geplant verbuchen kann.Um die Arbeitsplätze zu sichern, hat das Unternehmen mit der IG Metall in den vergangenen Jahren wiederholt eine Härtefallregelung vereinbart. Diese lässt Abweichungen von den Tarifverträgen zu. Die Beschäftigten verzichten auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Überstunden werden nicht ausbezahlt, sondern auf einem Konto gutgeschrieben. Angesichts der Schwierigkeiten hat Mittelstädt wenig Verständnis für die Forderung der Gewerkschaft, die Arbeitszeit im Osten auf 35 Stunden in der Woche herabzusetzen. Sollte die Arbeitszeit sinken, nähme der Kostendruck weiter zu. "Dann besteht die Gefahr, dass wir unsere Fertigungsbereiche noch weiter herunterfahren müssen", sagt der Geschäftsführer.Am Limit Der Streit um die Arbeitszeit macht deutlich, dass KE 13 Jahre nach der Einheit noch nicht über den Berg ist - so wie viele Unternehmen ist Ostdeutschland auch. "Wir fahren am Limit", sagt Mittelstädt.Dabei hat man bei KE nicht nur ständig eine große Vergangenheit, sondern auch eine große Zukunft vor Augen. Wer am Fenster des Bürohauses steht, muss nur den Blick vom Montage-Eber abwenden, sich umdrehen und auf ein riesiges Foto im Foyer schauen. Das Bild zeigt den so genannten Feeder Server, ein mobiles, gummibereiftes Kransystem zur Löschung von Containerschiffen. Mit dieser Entwicklung gewann KE vor drei Jahren den Innovationspreis Berlin-Brandenburg. Die Referenzanlagen stehen im Hafen von Saigon, wo auch das Foto entstand. "Das", sagt Mittelstädt, "ist das Neueste vom Neuen. "BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Helmut Mittelstädt vor einem Kranmodell in seinem Betrieb. Die richtigen Anlagen sind um ein vielfaches größer.