In einem Nord-Charlottenburger Gewerbehof befindet sich das Lager der Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) aus Mitte. Größer als CFA kann man kaum werden, aber vielleicht wieder ein bisschen cooler. Und deshalb leistet sich CFA-Gründer Bruno Brunnet seit anderthalb Jahren im Lager eine weitere Galerie, nennt sie nach einem Detail in einem Mafiafilm Vittorio Manalese und hat nun den Techno-Produzenten Hendrik Weber eingeladen, dort eine Musikreihe zu kuratieren. Kulturelles und reales Kapital werden hier vorbildlich vereint, und zwar ohne dem Steuerzahler zur Last zu fallen. Außer dem Steuerzahler und Hamburger Maler Daniel Richter, der wieder in Berlin wohnt und zu den Zugpferden von CFA gehört.Unter dem Namen Pantha du Prince hat sich Weber einen guten Ruf verdient, nicht nur in der Technoszene. An drei Abenden in drei Wochen lädt er nun neun Namen ein, die den Familienroman der elektronischen Musik in Deutschland erzählen. Am Dienstag konnte man auf heilsame Weise erfahren, wie viel Wunsch und Täuschung in diesem imaginierten Stammbaum stecken. Denn zum Auftakt spielte die Krautrockband Faust. Seit mindestens zehn Jahren ist es unmöglich, mit deutschen und besonders mit britischen elektronischen Musikern zu sprechen, ohne auf den Einfluss des Krautrock auf ihr Schaffen zu kommen. Man hat viel gelesen und geredet und gewürdigt. Aber, so die drängendste Frage nach der komplett gegenwartsdichten Zeitmaschine am Dienstag: Hat man es darob vernachlässigt, sich manche Bands auch anzusehen?Die wilden KerleFaust gelten unter den feinsinnigen Krautrock-Legenden der frühen Siebzigerjahre wie Can oder den jungen Kraftwerk als die wilden Kerle. Und sie sind es immer noch, zumindest jene Formation mit den Gründern Zappi Diermaier und Jean-Hervé Peron (es gibt auch noch eine gänzlich andere unter dem selben Namen). Sänger, Bassist, Rasselkönig und Oberschamane Jean-Hervé Peron begann die Darbietung mit einer spontanen Kettensäge-Aktion: Röhrend fräste er ein Gesicht in die weiße Galerienwand. Die englische Künstlerin Geraldine Swayne empfand dieses später mit Farbe auf Leinwand nach. Und gegen Ende, als der lärmlastige Rock langsam wurde, als Swayne den Leadgesang übernahm, die Band für kurze Zeit zusammenfand und man ein Echo auf Velvet Underground hörte, hielt Peron die Bohrmaschine in die Luft, ans Mikro und rieb sie an einer Tonne. Der Klang war lustig. Aber diese Gesten!Das Rumgehüpfe, die phallischen Posen mit den Handwerkermaschinen, der Beat: Das alles erinnert an eine Mischung aus Mick Jagger und Ozzy Osbourne, wobei man bei den beiden etwas berühmteren Herren auch mal Ironie vermuten kann. Faust zelebrieren auch mehr als 40 Jahre nach ihrer Entstehung einen ungebrochenen Rockismus und damit genau das, was die Elektroszene geradezu dogmatisch abgelehnt hat. Als Irritation des elektronischen Familienromans war dieser Abend also interessant. Und auch als Beitrag zur Retrodebatte, wie sie im Kunstbetrieb ganz anders geführt wird als im Popzirkus. Sogar weltberühmte Museen haben kein Problem damit, vierzigjährige Performance-Klassiker gestengetreu aufzuführen. Ein höchst lebendiger Zugang zur Geschichte! Auch damit man wieder merkt, warum man es heute vielleicht anders machen will.Danach setzte Weber die französische Technomusikerin Chloé ins Programm, und zwar nicht als DJ, sondern mit einem Live Act. Ihr Set mit schön gedrosseltem Tempo wurde begleitet vom Videokünstler Transforma. In expressionistisch ausgeleuchtetem Schwarz-Weiß sah man Hände aus Wänden wachsen und später eine tanzende Figur mit einem Kopfschmuck aus Neonröhren. Gegen Ende nahm die Musik auch Industrialklänge auf. Doch von Fausts Bohrmaschine bis zum Laptop von Chloé ist es ein sehr weiter Weg, der mit einem Familienroman kaum zu beschreiben ist.

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