Kreativdirektor auf Kufen

BERLIN, 21. März. Der Hauptschuldige blickt über den Brillenrand und lächelt weise: Nur ein beklagenswert kleines Grüppchen aus Deutschland - ein Paar, zwei Männer - dreht bei der Eiskunstlauf-WM in Washington ab Montag seine Kringel; aus seinem Stützpunkt ist überhaupt keiner dabei, nicht einmal die Tänzer Winkler/ Lohse. Und wer ist für den Mangel verantwortlich zu machen? "Selbstverständlich ich", sagt Reinhard Ketterer (54) und grinst: "Zuerst kommt der Landesverband zu mir und fragt, was los ist; dann der Olympiastützpunktleiter; dann der Landessportbund, schließlich der Spitzenverband DEU." Wobei die Deutsche Eislauf-Union (DEU) die Antworten kennen dürfte. Denn ein Stützpunktleiter, sagt Ketterer, sei im Grunde nur ein ausführendes Organ: "Wir sind in der Eislauf-Union nicht die kreativen Macher." Einem Stützpunkt vorzustehen, gilt im Eiskunstlauf als nebenberufliches Ehrenamt.Bayer in BerlinIm Hauptberuf ist Ketterer der Leitende Landestrainer von Berlin, und damit in Kreativdingen sein eigener Herr - zuständig nicht nur für Bundeskader, sondern vor allem für 77 Kinder und Jugendliche. Und die treten derzeit weit mitreißender auf als die Spitzenläufer. Wenke Ludwig und Caroline Mey, beide 14, tanzten sich vorige Woche bei den Jugendmeisterschaften ganz nach vorn, Stefanie Dankert und Peter Liebers gewannen die Meisterklasse, und auch im Paarlauf und Eistanz waren Berlins Nachwuchsathleten und ihre Trainer republikweit die Besten. "Wir haben eine schwierige Situation im Spitzenverband", sagt Ketterer, aber die Lage im D-Kader, bei den Neun- bis 15-Jährigen sei stabil.Er war wohl doch der richtige Mann für diesen Job, obwohl es 1992 Skepsis gab. Die Ostler fragten damals, was ausgerechnet ein Bayer ihnen beibringen sollte; die Szene im Westen der Stadt witzelte über den Posten des Leitenden Landestrainers, den der Berliner Verband sich nach der Wende ausdachte. Doch Reinhard Ketterer, 1969 deutscher Meister, hatte sich gründlich überlegt, warum er sein Amt als Cheftrainer des SC Riessersee aufgeben sollte - eines Clubs, bei dem Damen im Nerz nachfragten, ob sie das Schlittschuhlaufen noch lernen könnten. Ketterer hatte gefallen, wie der Sport im Osten strukturell angelegt war: "Ich spreche jetzt nicht von den Entgleisungen; aber eine langfristige Leistungsentwicklung, Steuerung durch Rahmentrainingspläne, den Verbund Schule und Sport - all das gab es im Westen nicht." Entlasten statt belastenEr ist als einziger West-Trainer übrig geblieben im Sportforum Hohenschönhausen und weiß besser als andere, dass es in Deutschland unterschiedliche Vorstellungen gibt, die sich mit Eiskunstlauf verbinden. Im Osten, sagt Ketterer, wollen die Eltern, dass ihr Kind Sport treibt, und sind beruhigt, wenn sie es nachmittags in guter Obhut wissen. "In Bayern sehen die Eltern den Aufwand und fragen: Lohnt sich das?" Einer Statistik hat er kürzlich entnommen, wie stark in Berlin die Zahl der Familien mit Kindern sinkt. Die Auswirkungen spüren auch die Eislauf-Vereine. Man müsse gegensteuern, fordert Ketterer, die Sportart für Eltern so attraktiv wie möglich machen: Konzepte will er entwickeln, Ganztagsbetreuung für Eis laufende Schüler organisieren - die Eltern entlasten, nicht belasten. Die Probleme, sagt Reinhard Ketterer, lägen nicht hinter, sondern vor ihnen. Und man weiß ja, wer im Zweifelsfall der Schuldige ist.BLZ/WULF OLM Reinhard Ketterer (54) Leitender Landestrainer im Eiskunstlauf