Vor vierzig Jahren hat der US-Forscher Richard Ablin das Prostata-spezifische Antigen (PSA) entdeckt. Er war jedoch enttäuscht von den Möglichkeiten des Eiweißes und wandte sich bald anderen Forschungsthemen zu. Ohne sein Zutun machte PSA eine Karriere als Krebstest. Seither bemüht sich Ablin, über die Schwächen des Tests aufzuklären.Professor Ablin, warum haben Sie sich den PSA-Test nicht patentieren lassen, als Sie das Eiweiß 1970 entdeckten? Sie wären heute reich.Ich habe damals nach einem krebsspezifischen Antigen gesucht. In diesem Fall nach einem Eiweiß, das nur in Prostatakarzinomen vorkommt. Bald nachdem ich PSA entdeckt hatte, zeigte sich jedoch, dass PSA nicht nur bei Prostatakrebs zu finden ist, sondern auch in gesunden Vorsteherdrüsen und in gutartig veränderten. Es war also nicht krebsspezifisch und deshalb nicht das, wonach ich suchte. Aus diesem Grund habe ich zwar weiter die Prostata erforscht, aber in anderen Richtungen.Und "Ihr" PSA machte dann eine Karriere als Krebstest...1979 hat sich eine andere Forschergruppe unsere Beobachtungen noch einmal vorgenommen und 1981 entwickelte sie einen Test. Dieser PSA-Test wurde anfangs zur Beobachtung genutzt, zum Beispiel von Patienten, die wegen Prostatakrebs behandelt worden waren. Denn PSA ist zwar nicht krebsspezifisch, aber prostataspezifisch. Wenn die Prostata durch eine Operation entfernt oder durch Bestrahlung zerstört worden ist, müsste demnach auch die PSA-Quelle versiegen. Wenn trotzdem wieder PSA im Blut auftaucht, kann das darauf hindeuten, dass das Prostatagewebe wieder wächst oder dass sich Metastasen gebildet haben. Der PSA-Test kann also als Vorbote für ein Wiederauftreten der Krebserkrankung dienen und eben zu diesem Zweck wurde er von der US-Arzneimittelbehörde FDA 1986 zugelassen.Und wie avancierte er zum Früherkennungstest?Der Test wurde zunehmend auch zur Prostatakrebs-Diagnose genutzt, obwohl er ja gar nicht krebsspezifisch ist. Die FDA ließ ihn 1994 zusammen mit der Rektaluntersuchung als Test zur Diagnose von Prostatakrebs zu - dazu ermunterte sie vermutlich die schlecht durchdachte Annahme von Urologen und Pharmafirmen, man habe einen einfachen Bluttest für Krebs sowie die Tatsache, dass der PSA-Test frühe Krebsstadien vergleichsweise besser erkennt als die Rektaluntersuchung allein.Taugt der PSA-Test überhaupt nicht zur Prostatakrebsdiagnose?So wie der Test zurzeit genutzt wird, eignet er sich nicht für die Diagnose von Prostatakrebs. Er schlägt zu oft falschen Alarm, was zu Überdiagnosen und Überbehandlung führt. Überdies erzielt er auch falsch-negative Resultate, übersieht also Krebs. Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären. Ein Wert von vier Nanogramm PSA pro Milliliter Blut wird als Grenzwert angesehen: Werte unter vier zeigen angeblich an, dass keine Krebserkrankung vorliegt und Werte über vier gelten als Anzeichen für Krebs. Die Wahrheit ist: 40 Prozent der Männer mit einem PSA-Wert unter vier haben Krebs. Und 80 Prozent der Männer mit Werten über 4 haben keinen Krebs. In vielen Fällen könnten Sie also genauso gut eine Münze werfen.Wozu ist PSA gut?Nach einer Krebsbehandlung ist es sinnvoll, den PSA-Wert regelmäßig zu erheben. Steigende Werte können auf eine Rückkehr des Tumors hindeuten. Auch für familiär vorbelastete Männer kann der Test sinnvoll sein, wenn man die Werte über längere Zeit verfolgt.PSA-Tests bringen viel Geld ein ...In den USA werden Milliardengeschäfte mit PSA-Tests und den Folgebehandlungen gemacht. Es sind nicht nur die Tests, Biopsien und Operationen. Oft führen die Eingriffe ja zu Blasenschwäche und erektiler Dysfunktion. Dagegen werden Hilfsmittel entwickelt und verkauft, was die Gesamtkosten für die Diagnose, die Behandlung und Folgebehandlungen ansteigen lässt.Wäre es Ihnen lieber, Sie hätten PSA nie entdeckt?Das nicht gerade. Der PSA-Test kann ja ein wunderbares Werkzeug sein, etwa nach einer Krebsbehandlung. Und wenn er richtig angewendet wird, etwa um einen Grundwert zu bestimmen und dann in bestimmten Intervallen erneut zu testen, kann er durchaus eine Erkrankung der Prostata anzeigen. Aber ich hätte nie gedacht, dass meine Entdeckung zu einer derart profitgetriebenen Katastrophe für das Gesundheitswesen führen würde.Haben Sie je Ihren PSA bestimmt?Nein, niemals ...Interview: Anne Brüning------------------------------Foto: Richard J. Ablin (70) ist Professor für Pathologie am University of Arizona College of Medicine in Tucson. 1970 entdeckte er PSA.

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