MOSKAU. Alischer Usmanow, ein reicher Geschäftsmann mit Verbindungen zum Kreml, hat sich wieder einmal vergrößert. Am vergangenen Donnerstag gab er den Kauf des Kommersant, der führenden russischen Tageszeitung, bekannt. Bis zu 300 Millionen Dollar soll der Verlag gekostet haben. Ein ganz normales Geschäft? Mascha Lipman vom Moskauer Carnegie-Zentrum widerspricht: "Eigentümerwechsel waren immer das Mittel des Kreml, Medien auf loyale Linie zu bringen. Der Kommersant wird keine Ausnahme machen."Kurz nach seinem Einzug in den Kreml hatte Präsident Wladimir Putin private Fernsehsender wie NTW vom Erdgaskonzern Gasprom übernehmen lassen und die staatlichen Sender Rossija und den Ersten Kanal zu Sprachrohren des Kreml gemacht. Seither waren Zeitungen in Russland das letzte Reservat echter Information. Doch auch ihr Spielraum schrumpfte. So wurde der Chefredakteur der Iswestija auf Befehl von Putins Pressesekretär Ende 2004 nach kritischer Berichterstattung über die Geiselnahme von Beslan gefeuert, das Blatt im Sommer 2005 von Gasprom übernommen. Der neue Chef kam vom - ebenfalls Gasprom gehörenden - Boulevardblatt Komsomolskaja Prawda und machte die Iswestija zum harmlosen Infotainment-Blatt. Die Wochenzeitung Nowaja Gaseta, die als einzige noch investigativ recherchiert, musste vor kurzem aus Geldmangel 49 Prozent ihrer Anteile an Michail Gorbatschow und den Multimillionär Alexander Lebedew abgeben. Ob sie ihre journalistische Unabhängigkeit behält, ist offen.Tageszeitungen wie Gaseta oder Wremja Nowostej berichten seriös, aber in kleiner Auflage, und sie meiden eigenständige Recherchen über brenzlige Fragen. Es blieb der Kommersant - Anfang der 90er Jahre als Wirtschaftszeitung gegründet, doch schnell zur politisch und gesellschaftlich führenden Zeitung gereift. Mit gerade 120 000 Exemplaren Auflage wird sie zwar selbst in der Zwölf-Millionen-Stadt Moskau nur von einer Minderheit gelesen, dafür aber von allen Meinungsmachern, Politikern und Journalisten.Aus dem Stall von GaspromEigentümer des profitabel wirtschaftenden Blattes war zunächst der nach England geflohene Ex-Oligarch Boris Beresowski. Anfang des Jahres überschrieb dieser seine Anteile einem georgischen Geschäftsmann. Seitdem liefen Verkaufsverhandlungen. Offenbar war der Besitzer zu der Überzeugung gelangt, es sei besser, den Verlag zu verkaufen, als ihn später ohne Bezahlung zu verlieren. Schon nach der Veröffentlichung eines Interviews mit dem damaligen tschetschenischen Untergrund-Präsidenten Aslan Maschadow hatte der Kommersant eine Verwarnung des Presseministers erhalten - der erste Schritt auf dem Weg zu einem Lizenzentzug.Alischer Usmanow, der neue Eigentümer, ist ein Milliardär von Gnaden des Kreml, der von Gasprom-Chef Alexej Miller, seinerseits ein enger Vertrauter Putins, gefördert wurde. Der heute 52-Jährige holte als Generaldirektor der Gasprom-Invest-Holding Firmenaktiva zurück, die frühere Manager in der Spätphase der Präsidentschaft von Boris Jelzin in ihren Privatbesitz umgewandelt hatten. Als Mitbesitzer der Stahl- und Maschinenbauholding Metallo-Invest kümmerte sich Usmanow auch um den eigenen Wohlstand, der aktuellen Reichen-Liste des Wirtschaftsmagazins Forbes zufolge ist er immerhin 3,1 Milliarden Dollar schwer.Mit der Übernahme des Kommersant führe Usmanow einen Auftrag des Kreml aus, schrieb die Zeitung am Donnerstag in einer Offenheit, die ihr wohl nicht mehr lange erlaubt sein wird. "Usmanow hat den Kommersant entweder auf direkte Anweisung des Kreml gekauft oder zumindest in Abstimmung mit ihm", urteilt auch Wladimir Pryblowski von der Panorama-Stiftung. "Dies bedeutet das Ende der Unabhängigkeit des Kommersant - der einzigen Zeitung, die uns noch umfassend informiert hat."------------------------------Foto: Sei es der Untergang der "Kursk" oder der Tschetschenienkrieg - als eines von wenigen Blättern in Russland machte sich der Kommersant bislang die Mühe eigener Recherche. Die Leser wussten diese Qualität zu schätzen.