Berlin -  Seit Jahren gehe ich am 8./9. Mai zu einem der drei zu Großdenkmalen ausgebauten Berliner Friedhöfe, auf denen Tausende, meist junge Soldaten der Roten Armee liegen. Sie starben im Kampf um die Reichshauptstadt des Bösen. Sie starben als Verteidiger ihres Landes und ihrer Familien. Sie starben, um Europa vom völkermörderischen deutschen Terror zu erlösen. Sie starben für unser gegenwärtiges Glück, für die Nachfahren von 19 Millionen Wehrmachtsoldaten, mindestens 50 Millionen Hitler-Begeisterten, Hunderttausenden zivilen Verbrechern, Polizei- und SS-Männern.
 
Die langen Reihen der Sammelgräber (russisch: Brudergräber) sind an den beiden Tagen des Kriegsendes in Berlin gut besucht. Man trifft dort Russen, Ukrainer, Letten, Aserbeidschaner, Israelis, Spanier, Amerikaner und jüngere wie ältere Deutsche. Sie verharren vor der in Bronze gegossenen sowjetischen Mutter, die ihren gefallenen Sohn betrauert, und legen ihre Blumen nieder. Miteinander Unbekannte strahlen einander an, reden, fotografieren sich gegenseitig.
 
Aber wie anders, wie verbockt verhält sich die offizielle Politik! Demnächst, am 22. Juni, ist der 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion zu begehen. Doch verwarf Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die Anregung der Linken zu einer Gedenksitzung des Bundestags mit dem Hinweis, man wolle „an der bisherigen parlamentarischen Übung einer ungeteilten Erinnerung an den gesamten Verlauf des Zweiten Weltkrieges und des von ihm ausgegangenen Leids festhalten“. Ich schätze Herrn Schäuble. Aber was soll denn das: ein „Leid“, das nicht von Deutschland, sondern vom „Zweiten Weltkrieg ausgegangen“ sei? Nur zur Erinnerung: In Europa fielen jeweils etwa 280.000 britische und US-amerikanische Soldaten, aber etwa zwölf Millionen Soldaten der sowjetischen Streitkräfte. Von diesen wurden drei Millionen in deutscher Gefangenschaft erschossen oder vorsätzlich in den Hunger- und Kältetod getrieben. Deutschlands Krieg gegen die Sowjetunion war der „ungeheuerlichste Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg“, den die moderne Geschichte kennt (Ernst Nolte, 1963).
 
Vor fünf Jahren verlor Bundespräsident Joachim Gauck kein Wort zum 75. Jahrestag des deutschen Überfalls, sondern reiste just an diesem Tag zum Staatsbesuch nach Rumänien – in einen Staat, der 1941 mit zwölf Divisionen an der Seite Hitlerdeutschlands in die Sowjetunion eingefallen war. Immerhin teilte Schäuble jetzt mit, „dass sich der Bundespräsident in diesem Jahr des Anlasses annehmen wird“. Wir sind gespannt.
 
Ich finde, die gefallenen Sowjetsoldaten sollten endlich mit einem militärischen Zeremoniell geehrt werden. An ihren Berliner Gräbern sollte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Rede zum 80. Jahrestag halten. Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr sollte „Das Lied vom guten Kameraden“ spielen, den deutschen Trauermarsch für alle Gefallenen. Ein Wunschtraum. So oder so treffen wir uns am 22. Juni, einem Dienstag, am frühen Abend an den Ehrenmalen im Treptower Park, in der Schönholzer Heide oder im Tiergarten. Dort ehren wir die zwölf Millionen gefallenen oder von Deutschen ermordeten Sowjetsoldaten. Dort gedenken wir der 15 Millionen von Deutschen zu Tode gequälten, vergasten oder erschossenen sowjetischen Zivilisten: der Alten, der Frauen und der Kinder.

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