MOSKAU. Russlands Vorgehen in Georgien überrascht wenig. Der Kreml nutzt die ihm von Präsident Michail Saakaschwili auf dem Silbertablett servierte Gelegenheit, um militärische Fakten zu schaffen. Russland verleibt sich endgültig Südossetien, wahrscheinlich auch Abchasien ein und unterstreicht entschiedener als je zuvor seit dem Ende der Sowjetunion seinen Herrschaftsanspruch in seinem ehemaligen Imperium. Die militärischen Ereignisse folgen dem Szenario, das Russland den Georgiern unter Beteiligung von 8 000 Soldaten beim Manöver "Kaukasus 2008" Mitte Juli offen vor Augen führte.Erinnerung an GrosnyDas russische Militär wirft alle georgischen Soldaten aus Südossetien. In Abchasien greift die ebenfalls von Russen kontrollierte Armee mit zusätzlichen russischen Einheiten einen Brückenkopf der Georgier in der Kodori-Schlucht an und rückt an die abchasische Grenze zu Georgien vor. Um Georgiens Militär sowohl im laufenden Krieg auszuschalten wie für die absehbare Zukunft zu schädigen, bombardiert die russische Luftwaffe alle wichtigen militärischen Ziele innerhalb Georgiens: von den Militärbasen und Kasernen in Senaki, Gori oder Wasiani bis zum Militärteil des Flughafens von Tiflis. Dass russische Bomben dabei - wie etwa am Samstag in Gori - auf Wohnhäuser fallen und Dutzende, vielleicht Hunderte Zivilisten töten, überrascht in einem Krieg wenig; erst recht nicht bei einer Armee, die schon bei Konflikten im eigenen Land im Zweifelsfall eine ganze Stadt dem Erdboden gleichmacht, wie die Einwohner des tschetschenischen Grosny wissen.Der Kreml wird sich nicht aufhalten lassen - weder von Waffenstillstandsangeboten noch von einem Abzug georgischer Truppen aus Südossetien, und auch nicht von westlichen Vermittlungsbemühungen. Dies umso mehr, als der Mann, der in Russland und in diesem Krieg das Sagen hat, Wladimir Putin heißt. Präsident Medwedew blieb in seiner Moskauer Vorortresidenz, während Premier Putin im Aufmarschzentrum Wladikawkas die militärische Lage inspizierte. Noch bezeichnender war, welche politischen Schritte Putin dort verkündete. Seine Mitteilung, es sei schwer vorstellbar, wie Georgien jemals wieder einen Anspruch auf Südossetien erheben wolle, hieß im Klartext, dass Moskau dort offen die politische Oberherrschaft übernimmt. Heute wird die Regierung unter Putins Vorsitz Geld zum "Wiederaufbau Südossetiens" bereitstellen. Putins Worte über Russlands seit Jahrhunderten dominierende Rolle im Kaukasus bedeuteten: Wir reißen uns auch Abchasien unter den Nagel, sehen die ganze Region als unseren Herrschaftsbereich und setzen den Anspruch durch.Das Kalkül Saakaschwilis ist schwerer auszumachen. Vielleicht hatte sich der schon zuvor abenteuerlichen Manövern zugeneigte georgische Präsident einreden lassen, seine Armee sei stark genug, um zumindest Südossetien im Handstreich zu erobern, bevor die Russen reagierten. Wahrscheinlicher ist, dass Saakaschwili ein militärisches und humanitäres Desaster wissentlich in Kauf nahm. Er wollte die internationale Gemeinschaft - vor allem Washington - so gegen Russland aufbringen, dass sie Georgien aktiv militärisch stützte oder zumindest bereit war, Moskau die Zustimmung zu einem UN-Mandat für Abchasien oder Südossetien abzuringen oder zur Stationierung einer internationalen Friedenstruppe. Dies hätte Moskaus Zugriff auf Abchasien und Südossetien massiv geschwächt. Doch Saakaschwili hat sich an allen Fronten verkalkuliert.Es geht mal wieder um ÖlDer wichtigste Satz der Reaktion von US-Präsident George W. Bush bei seinem Appell von Peking war nicht der Aufruf an Russland, die Bombardements einzustellen. Es war der Aufruf an beide Parteien, "zum Status Quo des 6. August zurückzukehren" - also, bevor Georgiens Armee ihre Offensive in Südossetien startete. Bush machte damit klar, dass er nicht bereit ist, Saakaschwili gegen Russland bedingungslos zu stützen oder gar militärisch aktiv einzugreifen.Russlands in westlichen Augen unverhältnismäßige Reaktion soll nicht nur Georgien, sondern allen Ex-Vasallen, die ihre Unabhängigkeit betonen und mit eigenen Öl- und Gaspipelines nach Europa Russlands wichtigstes globales Einflussinstrument schwächen wollen, zeigen, wer der Chef ist. Unabhängig vom militärischen Weitergang hat dieser Krieg wahrscheinlich auch erhebliche Auswirkungen auf den Versuch, die Energie-Abhängigkeit von Russland zu verringern. Zentralasiatische Öl- und Gasförderer dürften sich nun doppelt überlegen, ob sie sich Moskau widersetzen sollen - und westliche Investoren, ob sich Milliardenausgaben in einer so explosiven Region lohnen.------------------------------Abtrünnige RegionenGeorgien ist so groß wie Bayern und zählt 4,5 Millionen Einwohner. Das Land will Mitglied der Nato werden, Präsident Michail Saakaschwili pflegt enge Kontakte zu US-Präsident George W. Bush. Zwei Regionen streben nach Unabhängigkeit: Südossetien und Abchasien, beide werden von Russland unterstützt. Den Konflikt um das nach Autonomie strebende Adscharien löste sich im Frühjahr 2004 friedlich.Südossetien - etwa eineinhalb Mal so groß wie das Saarland - hat sich nach einem kurzen Krieg Ende 1991 von Georgien losgesagt. Die Unabhängigkeit wurde weder von Tiflis noch international anerkannt. In den Folgejahren kam es mehrfach zu Kämpfen, 2004 wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Ende 2006 stimmte die Bevölkerung in einem Referendum fast einmütig für die Unabhängigkeit, Georgien ignorierte das Votum. Die meisten der rund 70 000 Südosseten haben russische Pässe. Russland finanziert und kontrolliert die Gebirgsregion und die Regierung in der Hauptstadt Zchinwali.Die Republik Abchasien mit der Hauptstadt Suchumi liegt am Schwarzen Meer und ist etwa halb so groß wie Schleswig-Holstein. Zahlreiche Kämpfe zwischen Abchasen und Georgiern seit der Unabhängigkeitserklärung im Sommer 1992 haben die Wirtschaft weitgehend ruiniert. Seit Mai 1994 gilt ein Waffenstillstand, der von UN-Beobachtern und russischen Soldaten überwacht wird. Die Einwohnerzahl liegt nach Schätzungen zwischen 150 000 und 200 000. Abchasien befindet sich außerhalb georgischer Kontrolle - mit Ausnahme der Kodori- Bergschlucht. Der nördliche Abschnitt der Schlucht ist der einzige Teil Abchasiens, der bislang noch von der georgischen Regierung verwaltet wurde.------------------------------Karte: Georgien, Südossetien------------------------------Foto: (2) Russische Soldaten rücken auf Panzerfahrzeugen in Richtung Süden vor. Im georgischen Gori steht eine Mutter mit ihrem Kind fassungslos vor ihrem zerstörten Haus.