PEKING. Die Sportler mussten es richten. Dabei sind doch gerade ihnen politische Botschaften verboten worden im Vorfeld dieser politisch so brisanten Spiele. Nun, zwei Tage nach Beginn des Krieges zwischen Russland und Georgien, zwei Tage nach der Eröffnungsfeier der Spiele der XXIX. Olympiade, boten zwei Sportschützinnen eine Geste der Versöhnung. Dass die Chinesin Guo Wenjun am Sonntag die Goldmedaille im Luftpistolenschießen gewann, interessierte kaum jemanden. Neben ihr standen auf dem Siegerpodest die zweitplatzierte Russin Natalja Paderina und die drittplatzierte Georgierin Nino Salukwadse. Paderina und Salukwadse umarmten sich, sie küssten sich und sagten danach kluge Worte, die man seit Ausbruch des Krieges vermisst hatte an den olympischen Stätten. "Die Politiker sollen sich endlich an einen Tisch setzen und die Situation klären", sagte Salukwadse mit Tränen in den Augen. "Für Hass ist in dieser Welt kein Platz. Das können Olympia und wir Sportler zeigen."Am Sonnabend hatten die 35 georgischen Athleten eine Resolution verabschiedet und Russland aufgerufen, das Bombardement in Südossetien einzustellen. Der russische NOK-Sprecher Gennadi Schwets hatte laut der Tageszeitung Guardian den georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili als "dumm, kriminell und geisteskrank" bezeichnet. Nachdem das georgische Parlament den Kriegszustand erklärt hatte, wurde erbittert um den Verbleib der georgischen Mannschaft in Peking gerungen. IOC-Präsident Jacques Rogge konferierte mit Georgiern und Russen. Beide Mannschaften erklärten, nicht abzureisen.Russlands Premierminister Wladimir Putin war am Freitag im Olympiastadion Zeuge der Eröffnungsfeier - zu einem Zeitpunkt, da am Kaukasus bereits gemordet wurde. Putin sprach in Peking auch mit IOC-Präsident Rogge. Laut IOC-Sprecherin Giselle Davies ist aber nicht über den Konflikt geredet worden. Nur wenige hundert Kilometer vom Kriegsgebiet entfernt liegt Sotschi, Putins Residenzstadt, in der 2014 die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden. Der Sicherheitsaspekt in dieser Region war bei der IOC-Entscheidung vor einem Jahr, wie vieles andere, konsequent vernachlässigt worden.Rogge beließ es in der Frage des Kaukasus-Krieges wieder bei der stillen Diplomatie, die er schon in der Tibet-Krise gepriesen hatte. So gab es bis zum Sonntagabend kein offizielles Statement des IOC, keinen Aufruf zur Waffenruhe. Nichts. Die über Jahre propagierte Idee des Olympic Truce, der olympischen Waffenruhe, ist offenbar sanft entschlummert. Olympic Truce ist eines der eingetragenen IOC-Markenzeichen. Doch wer die entsprechende Internetseite aufruft, findet den letzten Eintrag am 16. Juli: Es geht um das Jahr der griechischen Kultur in China.Zum Krieg im Kaukasus gibt es offiziell nur die Aussagen der IOC-Kommunikationsdirektorin Giselle Davies. Zum Mord an einem amerikanischen Olympiagast am Sonnabend hat das IOC dagegen in Windeseile ein Statement des Bedauerns verbreitet. Dieser Umstand verwundert. Rogges Vorgänger Juan Antonio Samaranch hat auf der Eröffnungsfeier der Winterspiele 1994 in Lillehammer Frieden auf dem Balkan gefordert: "Legt die Waffen nieder!" Rogge verzichtete auf eine Botschaft. Andererseits: "Da waren wer weiß wie viele Staatsoberhäupter im Stadion, die hätten ihn doch ausgelacht", sagte ein IOC-Mitglied.Warum aber hat das IOC nicht einmal eine Resolution verabschiedet? Der Olympiakonzern scheint handlungsunfähig. Das IOC wird zwischen den Weltmächten aufgerieben wie in Zeiten des Kalten Krieges. Es gibt niemanden, der sich diesem Trend entgegenstemmt. Das IOC ist dabei, seine Trümpfe zu verspielen. Denn seine Macht besteht ja nicht etwa in der angeblichen politischen Neutralität. Seine Macht besteht im Besitz an einem Weltkulturgut, den Olympischen Spielen, und in den Milliarden, die es aus deren Vermarktung generiert. Dies schafft Unabhängigkeit. Das IOC könnte unter Berufung auf die Olympische Charta Druck ausüben und Russland mit dem Entzug der Spiele 2014 drohen. Aber das IOC hat erst den Pakt mit Chinas Machthabern gesucht - und bei der Kür von Sotschi den Pakt mit Putin, Gazprom und anderen Oligarchen. Nun lässt es sich am Nasenring durch die Manage führen. Die Olympia-Eigentümer sind nicht mehr Herr des Geschehens.------------------------------Karte: Georgien, Südossetien------------------------------Foto: Fahnenschwenker für die Heimat: Georgiens Athleten bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking am Freitag.------------------------------Foto: Politische Spiele: Die Russin Natalja Paderina (l.) und die Georgierin Nino Salukwadse, Zweite und Dritte von Peking mit der Luftpistole, setzen ein Zeichen des Friedens.