Die weißen Daunenfedern liegen schwer am Boden bis ein kleiner Ventilator sie bedrohlich auseinander weht. Katrin, die Jurastudentin, jedenfalls fürchtet sich und kauert in der Bühnenecke. Die Daunenfedern haben es in sich an diesem Abend, an dem Claudius Lünstedts "Krieger im Gelee" das kleine Theater Eigenreich bevölkern und in den Federn ihr vielgestaltiges Sinnbild finden. Übermutig wirft jemand sie in die Luft, ein anderer hält sie wie ein Buch in Händen, wieder jemand nestelt sie in seine Haare. Dort, auf dem Kopf des nervösen Martin kleben sie am längsten, schließlich stehen sie für etwas, das darin kämpft: Es sind böse Gedanken, die klare Grenzen zwischen gut und schlecht, Freiheit und Willkür nicht kennen und aus dem Kopf ins Leben wollen."Krieger im Gelee" ist ein spitzfindiges Gedankenspiel des 25-jährigen Autors, das als Lesestück hervorragend funktioniert, da die vordergründige Kriminalgeschichte sich dezent durch viele Ebenen schraubt. Mit den Fragen nach Mordgedanken und Moral gerät nämlich das existenzielle Dilemma des Schreibens und Spielens immer mit ins Visier. Wie schaffen Denkfiguren den Schritt ins Leben und sollten sie das überhaupt? Lünstedt reiht drei Monologe aneinander, die aus verschiedenen Perspektiven den Versuch eines Verbrechens erzählen. Der14-jährige Marvin, neunmalkluger Schnösel aus reichem Haus, sehnt sich nach Freiheit von der Elternumarmung und geht auf einen anonymen Brief ein, der ihm eine Südseereise mit älterem Herrn verspricht. Dieser Herr ist Martin, der mit dem Mordplan an dem Jungen nur den Beweis antreten will, dass jedes Regelsystem willkürlich ist und Freiheit nur als Verbrechen in die Welt treten kann. Der Dritte ist Dieter, ein feinfühliger Beobachter, der zwischen den Stühlen steht, dort, wo Denken und Handeln, Freiheiten und ihre Folgen gegeneinanderschlagen.Regisseur Aureliusz Smigiel tat gut daran, die Marvin-Martin-Monologe ineinander zu montieren und so die Täter-Opfer-Denkwelten direkt zu konfrontieren. Allerdings wird darin auch die Schwäche des Textes deutlich: seine Einheitssprache. Fast ganz ohne Hilfsverben und Personalpronomen sprechen alle drei wie aus einem Mund im Stil stichpunktartiger Protokollnotizen: sehr intim und doch völlig unpersönlich. Ein eigenartig vorläufiger Redefluss, den auch das bilderreiche Spiel der Schauspieler wenig differenziert. Paul Schröder legt zwar einen kauzigen Marvin dar, doch macht Stephan Baumecker den Mörder zu pathologisch und Wicki Kalaitzi ihre Katrin zu hysterisch. Die analytische Seite des Textes fällt flach. Wären da nicht Martin Eidenbergers herrliche Videoprojektionen, die direkt ins gedankliche Herz des Stückes treffen. Einmal scheint eine Kamerafahrt tief in die Irrgänge einer Rose einzudringen. Sehr bald aber merkt man, dass diese Fahrt nach innen nur durch die Bildvergrößerungstaste entsteht, tatsächlich also an der Oberfläche bleibt. Besser hätte man diesen Versuch einer Verbrechensanatomie kaum zeichnen können.Wieder am 5. bis 8. 3., 20.30 Uhr, Tel: 0162/150 92 98, Greifswalder Str. 212.------------------------------Foto: Paul Schröder als Marvin (links) und Stephan Baumecker als Mörder