Kriminalhauptkommissar Jankowski will den Mann finden, der vor fünf Jahren ein kleines Mädchen tötete: "Vielleicht ist Janes Mörder auch schon tot"

POTSDAM. uf dem Schreibtisch von Hartmut Jankowski stapeln sich rosafarbene, abgegriffene Hefter. Im Schrank an der Wand stehen 15 dicke Ordner. Hefter und Ordner hat der Chef der Potsdamer Mordkommission mit demselben Namen beschriftet: Jane Fränzke. Der Mord an dem zehnjährigen Mädchen aus Dornswalde bei Baruth ist sein Fall. Seit fünf Jahren grübelt er in jeder freien Minute über das nicht aufgeklärte Verbrechen. Jankowski hat nur noch vier Jahre Zeit, dann geht er in Pension, will sich in Ruhe um seinen Garten kümmern. "Diesen Fall will ich bis dahin geklärt haben, ich will Janes Mörder", sagt der Kriminalhauptkommissar.Spuren stimmten optimistischJankowski weiß nicht, wo er den Mann suchen soll. "Vielleicht sitzt er gerade im Gefängnis oder ist in Therapie. Vielleicht ist er im Ausland. Vielleicht aber auch schon längst bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Es gibt so viele Vielleichts", gesteht Jankowski. Und er hat den Kommissar Matthäi aus Dürrenmatts Roman "Das Versprechen" vor Augen, der jahrelang umsonst an einer Tankstelle auf einen Mörder wartet, nicht wissend, dass der Gesuchte bei einem Autounfall getötet wurde.Als Jane am 15. Februar vor genau fünf Jahren in einem Waldstück in der Nähe ihres Heimatortes starb, war Jankowski 50 Jahre alt, stellvertretender Chef des für Verbrechen am Menschen zuständigen 1. Kommissariats in Potsdam und mit der Aufklärung eines anderen Mordes beschäftigt. Er wurde Wochen später zu Zeugenbefragungen im Fall Fränzke hinzugezogen, weil er aus Menschen meist mehr als andere seiner Kollegen herausholte. "1995 war ein schwieriges Jahr, es gab sehr viele Tötungsverbrechen mit unbekannten Tätern", sagt Jankowski. Jane war an jenem Februartag erstmals mit dem Fahrrad zur Schule ins neun Kilometer entfernte Baruth unterwegs. Dafür hatte sie lange bei ihrer Mutter betteln müssen. Wie alle Kinder nahm sie einen Landwirtschaftsweg als Abkürzung. Von ihrem Bruder Dani trennte sie sich, um noch einen Freund aus Radeland abzuholen. "Doch Jane kam zu spät, der Junge war schon weg", sagt Jankowski, der zwei erwachsene Kinder hat. Im Wald traf sie ihren Mörder. Eine Zufallsbegegnung. "Es waren lauter Zufälle, die dazu führten, dass Jane allein war. Wäre sie in der Gruppe gefahren, wäre der Mörder zwar da gewesen, aber er hätte nicht zugeschlagen", ist sich Jankowski sicher.Janes Leiche wurde noch am selben Tag gefunden. Das Mädchen war vor seinem Tod missbraucht worden. Die Spurenlage, sagt Jankowski, stimmte uns alle optimistisch. Der Täter war von einem Zeugen gesehen worden. Ebenso sein Auto: ein roter Golf II, mit schwarzem Streifen an der Seite und merkwürdigen Radkappen. Der Zeuge hatte sich auch das Kennzeichen notiert: LUK-C 561. Und, wie die Fahnder der Öffentlichkeit mitteilten, es gab "eimerweise" Sperma vom Täter.Die Ernüchterung folgte Schlag auf Schlag. Erst brach die Spur "Nummernschild" weg: das Kennzeichen war gestohlen. "Alle Ermittlungen konzentrierten sich dann auf Anweisung von oben auf den roten Golf", sagt Jankowski. 3 000 dieser Autos wurden überprüft. Die Fahnder bissen sich daran monatelang fest. "Heute weiß ich, dass das ein Fehler war", sagt der 55-Jährige. Denn das Fahrzeug musste keinesfalls als rotes Auto gemeldet sein. "Umspritzen ist nicht meldepflichtig", sagt er. Und dann fügt er hinzu: "Mir wäre es lieber gewesen, der Zeuge hätte diesen Golf nie gesehen. Dann hätten wir intensiver andere Spuren verfolgen können. Das Umfeld von Jane zum Beispiel." Ein drei viertel Jahr nach dem Mord kam die Bankrotterklärung: Das sichergestellte Sperma war durch Kot verunreinigt, eine DNA-Analyse daher schwierig. "Wir hatten noch das Täterprofil von einer Psychologin." Demnach war der Gesuchte 25 bis 30 Jahre alt. Er hatte eine schlechte Kindheit, war schon mal sadistisch auffällig, lebte zurückgezogen. Er hat Probleme, anerkannt zu werden, und ist sexuell verklemmt. "Es war faktisch nichts. Der Staatsanwalt schloss die Akten", sagt der Kriminalist.Der Akten-Vorgang "Fränzke" war zuletzt aufgebläht. "Viel Papier ist nicht unbedingt ein Zeichen guter Arbeit", sagt Jankowski. "Mir wären nur drei beschriebene Blätter und ich kriege den Täter lieber." Fast täglich blättert der Kriminalist in den Unterlagen. "Das ist die Suppe, in der ich herumstochere. Ich weiß nicht, ob der Täter in der Suppe ist." Mindestens 600 Namen von überprüften Personen stehen auf abgehefteten Blättern. "Ich warte auf eine Tat, die wir dem Täter zuordnen können. Aber ich will auch nicht nur rumsitzen."Der Mann, dem die 15 Mitarbeiter der Mordkommission hinterherjagen, hat möglicherweise schon dreimal getötet. Ein Professor stellte fest, dass er auch die siebenjährige Maria aus Haldensleben auf dem Gewissen haben könnte. Maria starb neun Monate nach Jane. "Der Experte sagte auch, dass unser Mann für den Tod an einer 16-Jährigen 1984 bei Bremen verantwortlich sein könnte", sagt Jankowski.Als Jane starb, war VollmondDer Chef der Mordkommission schaut auf den Mondkalender, der an der Wand in seinem Büro hängt. Jankowski glaubt daran, dass der Mond etwas mit Verbrechen zu tun hat. "In der aufsteigende Phase geschehen die meisten Morde. Davon bin ich überzeugt, auch wenn die Kollegen lachen", sagt er. Zu dieser Zeit seien die Menschen aggressiver. In der Nacht, bevor Jane starb, war Vollmond. Langsam, sagt Jankowski mit ruhiger Stimme, habe er das Gefühl, er werde betriebsblind. Zu oft habe er in der "Suppe gestochert". Darum liest die Akten jetzt ein junger Kollege. Morgen, am 15., wird seine Truppe an den Tatort fahren, nochmals die Situation nachstellen, ein Video drehen. Jankowski ist sich sicher, dass das keine neuen Erkenntnisse bringen wird. "Es motiviert aber meine Leute etwas", sagt er. Und dann erzählt er von Janes Großvater, der den Polizisten verbittert vorausgesagt hat: "Den bekommt ihr nie."Jane Fränzke wollte am 15. Februar 1995 erstmals mit dem Fahrrad zur Schule radeln. Dort kam sie aber nie an.