Kairo - Auf den ersten Blick wirkt alles so wie sonst, als würde der Alltag nach Kairo zurückkehren. Am Montagmorgen öffnen viele Geschäfte wieder, Angestellte machen sich auf den Weg ins Büro, und es gibt wieder Staus in den Straßen. In den vergangenen Tagen waren viele Kairoer zu Hause geblieben, hatten die Ereignisse am TV verfolgt. Die Stadt wirkte vielerorts wie ausgestorben. Nun scheint sich Normalität wieder einzustellen.

Der Schein trügt. Die Krise in Ägypten ist längst nicht vorbei. Im Gegenteil. Am Sonntagabend kamen 36 Anhänger des Anfang Juli gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi ums Leben, als sie mit einem Gefangenentransporter aus Kairo ins Gefängnis Abu Zaabal außerhalb der Stadt verlegt werden sollten. Was genau passierte, darüber wichen die Berichte zunächst voneinander ab. Von einem Ausbruchsversuch war die Rede und davon, dass die Gefangenen erschossen wurden. Das Innenministerium veröffentlichte zunächst widersprüchliche Berichte und gab schließlich am Montag bekannt, dass die Gefangenen erstickt seien. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt, um ihre Flucht zu verhindern.

Die „Anti-Coup-Allianz“ unter Führung der Muslimbruderschaft meldete Zweifel an dieser Beschreibung des Tathergangs an: Augenzeugen, die in einem Leichenschauhaus einen Blick auf einige der Leichen der Gefangenen geworfen hätten, sollen deutliche Spuren von Gewaltanwendung beschrieben haben.

Klare Botschaft al-Sisis

Der grausame Tod der Gefangenen im Transporter ist nicht das einzige Ereignis, das den Hass der Mursi-Anhänger gegen die Übergangsregierung und ganz besonders gegen die Sicherheitskräfte weiter anfeuert. Für Montagabend waren wieder zahlreiche Demonstrationen geplant.

Auch eine Rede von Armeechef Abdel Fattah al-Sisi am Sonntagabend schürte den Konflikt weiter. Er trägt zwar nur den Titel des stellvertretenden Ministerpräsidenten, aber in Ägypten ist allen klar, dass er es ist, der die Macht innehat. Viele sehen ihn als nächsten Präsidenten Ägyptens. Die Botschaft al-Sisis in seiner Rede war klar: Die Regierung wird weiter mit harter Hand gegen die Islamisten vorgehen. Er lobte die gute Zusammenarbeit von Militär und Polizei bei der Räumung der Protestlager der Mursi-Anhänger und in den Tagen der Unruhen danach. Er betonte zwar, dass die Kampagne gegen den Terrorismus nicht bedeute, dass in Ägypten kein Platz mehr sei für Anhänger der Muslimbruderschaft.

Allerdings wirken seine Worte angesichts der Verhaftungswelle gegen führende Mitglieder der Muslimbruderschaft wenig überzeugend. Die Übergangsregierung debattierte über Maßnahmen gegen den TV-Sender Al-Dschasira, der positiv über Mursis Regierung berichtet hatte und bei den Ausschreitungen vergangene Woche eindeutig Position für die Mursi-Anhänger bezogen hatte. „Das ägyptische Volk lehnt den Sender ab, weil er Lügen verbreitet und Unfrieden stiftet“, sagte Informationsministerin Dorreya Scharraf Eddin. Bereits in den vergangenen Tagen wurde das Al-Dschasira-Signal auf dem ägyptischen Satelliten Nile-Sat gestört.

Mubarak bald frei?

Am Montag sorgte Farid al Dieb, Rechtsanwalt des 2011 gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak, für weitere Aufregung. Er zeigte sich sehr zuversichtlich, dass sein Mandant bereits Ende der Woche auf freien Fuß komme.

Mubarak wurde im Sommer 2012 für seine Beteiligung an der Tötung von Demonstranten während der Revolution 2011 zu lebenslänglich verurteilt. Das umstrittene Urteil wurde vergangenen Januar aufgehoben und ein Kassationsverfahren zur Revision angeordnet. Schon damals hätte Mubarak freikommen können, es gibt jedoch weitere Verfahren wegen Korruption gegen ihn, und er blieb daher in Haft. Dafür sorgte nicht zuletzt die ehemalige Regierung unter Führung von Mohammed Mursi.

Nun allerdings hat sich das Blatt gewendet, daher der Optimismus des Mubarak-Anwalts. Eine Freilassung Mubaraks zu diesem Zeitpunkt würde das bestätigen, was viele der Gegner der neuen Regierung ohnehin schon annehmen: Bei der neuen Regierung handle es sich um das Comeback des alten Regimes. Al-Sisi, und der Übergangsregierung gehe es nicht nur darum, Mursi abzusetzen und die Macht der einflussreichen Muslimbruderschaft zu brechen. Die Revolution von 2011 solle ungeschehen gemacht werden, heißt es oft.