Kairo - Nach dem „Freitag der Wut“ gehen in Ägypten die Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Anhängern des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi weiter. Das Kräftemessen konzentrierte sich am Samstag vor allem auf die Fateh-Moschee im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt. Dort widersetzen sich Hunderte islamistische Demonstranten seit dem Freitagabend der Aufforderung der Polizei, die Moschee zu verlassen. Mittlerweile ist die besetzte Moschee am Ramses-Platz nach Angaben von Vertretern der ägyptischen Sicherheitsbehörden am Samstagnachmittag weitgehend geräumt worden.

Die Sicherheitskräfte kämpften demnach aber noch darum, die Kontrolle über das Minarett des Gotteshauses im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt zu erlangen. Zuvor hatten sie sich heftige Schusswechsel mit bewaffneten Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi geliefert. Im Inneren der Moschee hielten sich noch rund 700 Menschen auf, sagten Augenzeugen dem Nachrichtensender Al-Dschasira. Sie hätten Angst vor den Sicherheitskräften und Schlägerbanden. Mehrere Frauen sagten, sie wollten die Moschee nicht verlassen und die Männer allein zurücklassen.

Die Mursi-Anhänger hatten am Freitag tagsüber auf dem Platz vor der Moschee demonstriert. Als am Abend die Ausgangssperre begann, verbarrikadierten sie sich in der Moschee. Bei den Verhandlungen ging es unter anderem darum, ob die Demonstranten anschließend von der Polizei verhört werden sollen oder nicht. Frauen sei im Gegensatz zu den Männern freies Geleit versprochen worden, sagten Demonstrantinnen.

Mehr als 800 Tote seit Mittwoch

Nach den jüngsten Angaben von Innen- und Gesundheitsministerium kamen bei den Zusammenstößen am Freitag landesweit 173 Menschen ums Leben. Allein in Kairo waren es 95. Unter den Toten ist auch ein Sohn des Chefs der Muslimbrüder, Mohammed Badie, der in der Hauptstadt erschossen wurde. Seit Mittwoch kamen in ganz Ägypten 800 Menschen zu Tode. Die Regierung ging mit Massenverhaftungen gegen die Islamisten vor. 1004 wurden seit Freitag festgenommen, wie es offiziell hieß. Unter ihnen sei auch ein Bruder von Al-Kaida-Chef Aiman Al-Sawahiri, hieß es in Sicherheitskreisen.

Geprüft wird nach Angaben eines Regierungssprechers auch die Auflösung der 1928 gegründeten Organisation, die 1954 von der damaligen Militärregierung verboten worden war. Die Muslimbruderschaft hatte sich im März als Nichtregierungsorganisation registrieren lassen. Ihre Partei für Freiheit und Gerechtigkeit war 2011 nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Husni Mubarak zugelassen worden und hatte seitdem alle fünf Wahlen gewonnen. Dem Land drohe ein von „Extremisten aufgezwungener Krieg“, erklärte ein Sprecher am Samstag.

Viele westliche Länder, darunter die USA, haben das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte verurteilt. Die USA sagten ein gemeinsames Manöver ab, kürzten die Militärhilfe von 1,3 Milliarden Dollar pro Jahr aber nicht. Dagegen unterstützte Saudi-Arabien die neue Führung in Kairo und warf den Muslimbrüdern vor, sie versuchten Ägypten zu destabilisieren. Nach Regierungsangaben haben Sanitäter und Ärzte zudem 1330 Verletzte gezählt. Seit Beginn der Unruhen am vergangenen Mittwoch wurden seinen Angaben zufolge 57 Polizisten getötet.

Das ägyptische Nachrichtenportal youm7 meldete am Samstagmorgen unter Berufung auf Ärzte, alleine in der Hafenstadt Alexandria seien bei Ausschreitungen zwischen gewaltbereiten Demonstranten und der Polizei am Freitag und in der Nacht 25 Menschen getötet worden. In Kairo, Al-Arisch und mehreren Provinzen im Nil-Delta waren während der Proteste und Angriffe der Islamisten auf öffentliche Gebäude am Freitag etwa 80 Menschen ums Leben gekommen.

Einmischung von außen unerwünscht

Der Sprecher des ägyptischen Außenministeriums, Bader Abdel Atti, wies den Vorwurf zurück, die Sicherheitskräfte seien mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen Demonstranten vorgegangen. Die Proteste seien nicht friedlich verlaufen, und überall habe es bewaffnete Gruppen gegeben, sagte Atti dem Nachrichtensender Al-Dschasira. Ägypten wird nach den Worten Attis keinerlei Einmischung von außen akzeptieren, egal von welchem Land.

Zuvor hatte unter anderem die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton die Zahl der Toten und Verletzten als schockierend bezeichnet. Die Verantwortung für die Tragödie laste schwer auf der Übergangsregierung sowie der erweiterten Führung des Landes, heißt es in einer Erklärung Ashtons vom Freitag. Darin rief sie die Sicherheitskräfte zur Zurückhaltung und die Demonstranten zu friedlichen Protesten auf.

Angesichts der eskalierenden Gewalt in Ägypten und der Übergriffe auf Kirchen setzt sich Außenminister Guido Westerwelle für die Christen in dem Land ein. „Die christliche Minderheit in Ägypten muss vor Übergriffen geschützt werden“, sagte der FDP-Politiker dem Nachrichtenmagazin „Focus“. Er betonte, Deutschland stehe in dem Konflikt nicht auf der Seite einer der politischen Kräfte. „Wir stellen uns auf die Seite der Menschen, die auf Freiheit und demokratische Werte setzen und die eine offene Gesellschaft wollen.“ Das Auswärtige Amt verschärfte seine Reisehinweise und rief dazu auf, auf Reisen in das nordafrikanische Land zu verzichten. Touristikkonzerne sagten ihre Reisen bis Mitte September ab.

Die koptisch-orthodoxe Kirche, deren Einrichtungen in den vergangenen Tagen mehrfach Ziel islamistischer Brandattacken wurden, erklärte in der Nacht ihre Solidarität mit Polizei und Armee. (dpa, AFP)