Kairo - Nach Wochen der blutigen Konfrontation zwischen Anhängern und Gegnern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi, in denen die Fronten sich immer weiter verhärteten und viele Beobachter bereits von einem drohenden Bürgerkrieg sprachen, zeichnet sich jetzt erstmals ein Hoffnungsschimmer ab. Ein Kompromiss ist noch nicht geschlossen, aber in Kairo wird darüber gesprochen, dass er möglich ist.

Ganz offensichtlich hat der Monat der Konfrontation und der drohenden Gewalt die Führer der beiden verfeindeten Lager zu der Einsicht gebracht, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Womöglich gelangen die Führer der Pro-Mursi-Bewegung gerade zu der Einsicht, dass sie trotz der ständigen Demonstrationen ihr Ziel nicht erreichen werden. Es scheint wenig wahrscheinlich, Mursi wieder ins Amt zu bringen. Auf der anderen Seite haben Mursi-Gegner, allen voran die Regierung und die Führung der Armee, offensichtlich verstanden, dass Gewalt nicht das einzige Mittel sein kann, mit den Protesten der Mursi-Anhänger umzugehen.

Starkes Engagement der USA

Mehrfach hatte die Armeeführung in den vergangenen Tagen gedroht, die Protestcamps der Islamisten mit Gewalt aufzulösen. Doch bisher blieb der massive Einsatz der Sicherheitskräfte aus. Gerade in dieser Frage spielt internationaler Druck eine Rolle und dieser trägt nun auch ganz erheblich dazu bei, dass sich die verhärteten Fronten zu lockern beginnen. In Kairo sind derzeit ausländische Diplomaten außerordentlich aktiv.

Nach dem Besuch der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton, die in der vergangenen Woche als erste Diplomatin mit dem gestürzten Präsidenten zusammentraf, und der Visite von Bundesaußenminister Guido Westerwelle, ist nun eine größere Delegation aus den USA angereist. Der stellvertretende US-Außenminister William Burns hält sich schon seit dem Wochenende in Kairo auf und verlängerte jetzt seinen Besuch. Er wurde am Montag durch die Senatoren John McCain und Lindsey Graham verstärkt.

Auch der EU-Sondergesandte Bernardino Leon ist in Kairo, darüber hinaus die Außenminister wichtiger Golfstaaten. Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate werfen ihr Gewicht und vor allem ihr Geld in die Waagschale.

Der politische Kompromiss, von dem so viel geredet wird, sieht vor, dass die Protestcamps nicht geräumt werden. Die Muslimbrüder und ihre Anhänger sollen sich vielmehr selbst darum kümmern, dass sie in den kommenden Tagen aufgelöst werden. Inzwischen gibt es allein in Kairo drei große Protestlager. Viele Einwohner der Hauptstadt sind genervt, denn der Verkehr kommt in weiten Teilen der Stadt zum Erliegen. Die Anwohner beschweren sich auch zunehmend, dass in ihren Treppenhäusern Demonstranten die heißen Tage verschlafen und Abend für Abend die Führer der Bruderschaft aufpeitschende Reden über Lautsprecher halten.

Doch der Massenprotest ist das letzte Druckmittel, das die Mursi-Anhänger haben. Ihnen bietet die Armeeführung jetzt an, Übergangspremier Hazem al-Bablawi zu ersetzen. Zudem sollen mindestens drei Ministerien an die Muslimbrüder und weitere zwei an salafistische Parteien gehen. Auf diese Weise könnte verhindert werden, dass die Muslimbruderschaft erneut in die Illegalität geht.

Besuch im Gefängnis

Im Grunde ähneln die Eckpunkte, die die regierungsnahe Zeitung Al Ahram am Montag veröffentlichte, dem Angebot, dass die Regierung den Islamisten bereits direkt nach der Absetzung Mursis machte. Damals lehnten die Islamisten ab, doch jetzt könnten sie kompromissbereiter gestimmt sein. Die ausländischen Diplomaten drängen sie jedenfalls. So trafen US-Diplomaten unter anderem Amr Darag, einen früheren Minister unter Mursi. Für Montag war sogar ein Besuch im Thora-Gefängnis angesetzt. Dort wollten die Diplomaten mit Saad al-Katatni, einem der Führer der Muslimbrüder zusammentreffen. Er war nach dem Sturz Mursis verhaftet worden. Am 25. August soll der Prozess gegen ihn eröffnet werden.

Vor einem Monat noch hätte eine solche internationale Verhandlungsoffensive in Kairo einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Jegliche Intervention von außen war bislang strikt abgelehnt worden. Doch auch hier verändern sich die Positionen. Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sissi, der sich bis vor kurzem noch jede Einmischung verbat, ging jetzt soweit, Washingtons Untätigkeit zu kritisieren. In einem Interview mit der Washington Post forderte er mehr Engagement.

Das hat er nun bekommen und natürlich setzten die Emissäre nicht nur seine Gegner unter Druck. Auch der General muss sich bewegen. Al-Sissi traf sich mit Vertretern salafistischer Gruppen und signalisierte, dass er nicht mehr mit Gewalteinsätzen gegen die Opposition vorgehen werde. Auch das ist ein Fortschritt. Noch ist der Konflikt nicht gelöst, aber zum ersten Mal seit Wochen tun sich Chancen auf, dass der Neuanfang in Ägypten doch noch gelingen kann.