Es wird nie so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Kriegs und nach der Jagd“, wusste Otto von Bismarck. Und umso schamloser, wenn alle drei Umstände aufeinandertreffen, könnte man ergänzen. Noch wird um die Ukraine nicht gekämpft, und auf der Krim wurde kein gezielter Schuss abgegeben. Doch dafür ist die gezielte Desinformation die Waffe der Wahl. Wer hier raunt, Lügen verbreitet und Tatsachen verdreht, Russen oder Ukrainer, ist in vielen Fällen offensichtlich, in anderen nicht, und besonders letztere Fälle sind – im Wortsinn – brandgefährlich.

Am Dienstagabend etwa berichtete die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Novosti über ein abgehörtes Telefonat zwischen dem estnischen Außenminister Urmas Paet und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton vom 26. Februar, das im Internet aufgetaucht war. Darin berichtet Paet über die Beobachtungen der ukrainischen Ärztin Olga Bogomolez, die Verwundete der Kämpfe um den Kiewer Maidan versorgt hatte.

Dieselbe Handschrift

Bei erschossenen Demonstranten und erschossenen Sicherheitskräften habe sie festgestellt, zitiert Paet die Ärztin, dass die Verletzungen „dieselbe“ Handschrift trügen. Es sei besorgniserregend, so der Außenminister, dass die neue ukrainische Führung kein Interesse an einer Aufklärung der Geschehnisse gezeigt habe: „Und das ist wirklich verstörend, dass jetzt die neue Koalition nicht untersuchen will, was genau passiert ist, darum verbreitet sich die Meinung immer stärker, dass hinter den Scharfschützen nicht Janukowitsch steckt, sondern jemand aus der neuen Koalition.“

Paet bestätigte am Mittwoch in Tallinn das Gespräch, dementierte aber, dass er damit den Anteil der damaligen Opposition an der Gewalt beurteilt habe. Die Veröffentlichung des Anrufs sei „kein Zufall“. Der staatliche russische Nachrichtensender Rossyia-24 meldete daraufhin, die EU habe nun „Beweise dafür, dass dieselben Scharfschützen auf Demonstranten und Polizei geschossen haben“ – eine zumindest stark zugespitzte Darstellung.

Auf die Zuspitzung von Sachverhalten versteht sich auch die Gegenseite. So verglich die frühere US-Außenministerin und mögliche künftige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton das Vorgehen des russischen Präsidenten Putin mit der Taktik Adolf Hitlers. „Wenn einem das bekannt vorkommt: Es ist das, was Hitler damals in den 30er-Jahren tat“, sagte sie bei einer Veranstaltung in Kalifornien. So wie Putin behaupte, die russische Minderheit auf der Krim zu schützen, sei damals Hitler militärisch gegen Polen und die Tschechoslowakei vorgegangen – unter dem Vorwand, deutsche Minderheiten zu schützen.

Putins Geschichten

Tags drauf schränkte Clinton zwar ein, sie habe Putin nicht mit Hitler vergleichen wollen. „Aber ich empfehle, dass wir aus dieser Taktik lernen“, sagte sie. Putins Ziel sei es, „die Peripherie Russlands zu re-sowjetisieren“. Aber es gibt nicht nur schräge Vergleiche, sondern auch blamable Versprecher. Bei einer Anhörung im US-Kongress ließ Pentagon-Chef Hagel US-Kampfjets zur Luftüberwachung in Lettland ankommen – es war aber Litauen. Und statt von F-15-Kampfjets sprach er von F-16-Flugzeugen.

Putin wiederum verspricht sich nicht, sondern nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, wenn man einer Zehn-Punkte-Liste des US-Außenministeriums vom Mittwoch folgt. Unter der Überschrift „Präsident Putins Geschichten“ werden Äußerungen des russischen Staatschefs und russischer Medien aufgezählt, die das Vorgehen Russlands in der Ukraine rechtfertigen sollen.

Dazu zählt die Behauptung, die Uniformierten ohne Hoheitsabzeichen auf der Krim seien keine Russen, sondern lokale Selbstverteidigungskräfte, das eigene Vorgehen sei durch den russisch-ukrainischen Freundschaftsvertrag gedeckt, und Hunderttausende Flüchtlinge aus der Ukraine hätten in Russland um Asyl gebeten. Das Ministerium widerlegt jede einzelne der zehn Thesen genüsslich und resümiert sarkastisch, seit Dostojewskis Ausspruch, die Formel „zwei plus zwei gleich fünf“ sei manchmal „ganz charmant“, habe die Welt nicht mehr eine derart verblüffende Dichtung aus Russland gesehen.