Donezk - Die Volksrepublik Donezk, von prorussischen Rebellen in der Ostukraine ausgerufen, schrumpft. Am Sonnabend früh haben die Aufständischen die Hochburg Slawjansk geräumt. Fünf Tage nach dem Ende einer von Kiew verkündeten Waffenruhe hat sich die Front deutlich verschoben. Die Kämpfe verlagern sich in die Millionenstadt Donezk.

Aber was heißt schon „Front“ in diesem Konflikt? Das Wort suggeriert Ordnung und Übersichtlichkeit. Aber in Wirklichkeit gibt es nicht eine Front, sondern viele.

Am Dienstag, dem ersten Tag nach dem Ende der Waffenruhe, verläuft eine dieser Fronten mitten durch die Donezker Innenstadt. Da stehen zehn verlassene Straßenbahnen in einer Reihe, Schwerbewaffnete stoppen den Verkehr. Es werde um das Polizeihauptquartier gekämpft, sagen sie, von dort würden Scharfschützen schießen. Die Tramfahrerinnen in ihren gelben Westen haben sich in eine Toreinfahrt zurückgezogen. Es ist heiß, die Stadt wie ausgestorben, und keiner versteht, was vorgeht.

Man muss wissen, dass Donezk bisher eine erstaunlich friedliche Stadt gewesen ist. Schwere Gefechte gab es nur am Flughafen, Ende Mai. In der Innenstadt merkt man auf den ersten Blick nichts vom Zerfall eines Staatswesens. Es gibt weder Straßensperren noch Bewaffnete – nicht mal am Bahnhof, wo immer noch pünktlich die Züge aus Kiew eintreffen. Stattdessen steht immer noch hier und da Verkehrspolizei auf den Straßen, Busse fahren, Grünstreifen werden gemäht, Bürgersteige gefegt, Renten und Gehälter ausgezahlt. Es ist nur alles viel leerer als sonst im Sommer, und über der leeren Hauptstraße hängen Plakate im sowjetischen Stil. Sie rufen auf, mit der Waffe gegen Kiew zu kämpfen. „Lass keine Filtrationslager der Nazis im Donbass zu!“, steht da etwa, und dazu sieht man eine Mutter mit Kind hinter Stacheldraht.

Es ist viel schief gegangen

Warum das Polizeihauptquartier an diesem Tag gestürmt wird, ist zunächst unklar. Es reicht ja ein Blick auf die Straßen, um zu verstehen, dass die Polizei offenbar nicht zu den Feinden der Volksrepublik zählt. Wie sich herausstellt, gehören die Angreifer zu einem Feldkommandeur aus der benachbarten Stadt Gorlowka: Igor Besler, Spitzname „Bes“ (Dämon). Die Polizeiführung hat sich verschanzt und die Donezker Separatisten um Hilfe gerufen. Nun kämpfen Polizisten und Rebellen Seite an Seite gegen andere Rebellen.

Am späten Abend sammeln Schwerbewaffnete in der Bar des Hotels Ramada die wenigen Journalisten ein, die in Donezk verblieben sind. Premierminister Alexander Borodaj von der Volksrepublik will eine Erklärung abgeben. Die Gruppe braust im schweren Chevrolet-Bus durch die Stadt, über rote Ampeln hinweg. Die Fahrt endet vor einem dunklen Gebäude. Drinnen befindet sich das Donezker Fernsehstudio. Borodaj ist ein bärtiger Mann in Khakihosen, er kommt aus Moskau und hat schon bei der Ablösung der Krim von der Ukraine kräftig nachgeholfen, als Berater der dortigen Separatisten. Auf der Krim ging es ohne Blutvergießen ab, im Donbass ist das anders. Die Verluste unter den Rebellen, den Soldaten und der Zivilbevölkerung gehen jeweils in die Hunderte. Es ist viel schief gegangen, auch aus Sicht der Separatisten.

Wer unter ihnen eigentlich das Sagen hat, ist schwer zu verstehen. Es gibt die „Volkswehr des Donbass“ und die „Achte Kompanie“, das Bataillon „Osten“ (Vostok) und die Organisation „Bollwerk“, es gibt Kosaken und eine „Russisch-Orthodoxe Armee“. Letztere hat sich im Gebäude des ukrainischen Sicherheitsdienstes einquartiert. Für das Gespräch mit Journalisten wird Vitja herausgeschickt, Kampfname „Kynologe“. Ein solcher Kampfname gehört zur Grundausstattung jedes Rebellen, so wie die Kalaschnikow. Vitja wirkt nicht wie ein orthodoxer Gotteskrieger. Er trägt eine Hose mit jamaikanischer Flagge und Cannabis-Blatt und bekennt sogleich, dass er Atheist ist. Aber mit Orthodoxie sei eher Tradition gemeint – „zum Beispiel zu Ostern Schaschlik braten“ –, so wie ja auch „Russe“ nicht eine Nationalität sei, sondern die Zugehörigkeit zur russischen Zivilisation.

Die Russisch-Orthodoxe Armee hat Kämpfer für die Hochburg Slawjansk rekrutiert, außerdem führt sie Anschläge hinter den feindlichen Linien durch, sagt Vitja. Für alles andere fehlten Geld und Waffen, anders als bei konkurrierenden Strukturen, die „eher kommerziell“ ausgerichtet seien. Dazu zählt er offenbar „Bollwerk“ und „Vostok“. Im Grunde, sagt Vitja, haben wir hier dieselbe Krankheit wie die Gegenseite – jeder will Ataman sein, Anführer.

Sitz der „Volksrepublik“ ist die Gebietsverwaltung im Zentrum der Stadt. Noch im Mai standen hier Barrikaden aus Autoreifen, bewacht von einer bunten Schar Hobby-Kämpfer. Jede Etage war von einer anderen Gruppe abgesperrt. Ob dahinter regiert, gesoffen oder gefoltert wurde, das war nicht zu erkennen. Ende Mai räumte das Bataillon „Vostok“ die Barrikaden und vertrieb die meisten Einwohner. Es war ein Teil jener Professionalisierung des Aufstands, für die auch der Moskauer Alexander Borodaj aus der Krim anreiste.

Jetzt wirkt das Gebäude weitgehend leer. In den Korridoren türmt sich der Müll. Im ersten Stock tagt dienstags und freitags das Parlament, im fünften Stock stellt der „Minister für Brennstoff und Energie“ Gutscheine für die Tankstelle aus und in der obersten Etage sitzen die wirklich wichtigen Leute unter Porträts von Alexander Borodaj und Wladimir Putin. Es sieht so aus, als wäre die Volksrepublik schon Teil der Russischen Föderation.

Vizepremier Andrej Purgin hat eine schwarze Plastiktüte in der Hand, darin sind 250.000 Griwna (15.500 Euro)– viel Bargeld in einer Stadt, in der die Bankautomaten nur noch selten befüllt werden. Er drückt die Geldbündel Viktoria Kowalenko in die Hand, es ist die Entschädigung der Volksrepublik für den Tod ihres Manns. Der starb Ende Mai, als die Separatisten den Donezker Flughafen besetzen wollten und die ukrainische Armee und Luftwaffe zum ersten Mal mit Gewalt zurückschlugen. Viktorias Mann hat nicht gekämpft, er wollte nur Baumaterial aus einer Garage am Flughafen holen. Er hinterlässt zwei kleine Kinder.

Finanzielle Fesseln

Woher das Geld stammt, kann Purgin nicht sagen, so wie überhaupt die Finanzen der Volksrepublik völlig im Dunkeln liegen. Die Volksrepublik hat keine Steuereinnahmen, sie kann ja noch nicht einmal ein ukrainisches Bankkonto betreiben. Die finanziellen Fesseln sind vielleicht die wirksamsten, die Kiew den Separatisten angelegt hat. Den Polizeichef von Donezk können wir nicht austauschen, sagt Purgin, denn nur er hat die Berechtigung, die Gehaltslisten abzuzeichnen. Wenn die Unterschrift fehlt, zahlt Kiew keine Löhne aus, und dann sind 16.000 Mitarbeiter der Polizei ohne Brot.

Auch mit dem Bürgermeister Alexander Lukjantschenko haben sich die Separatisten gut gestellt. Sie brauchen ihn, so wie die ganze Stadt ihn braucht, und so wie auch Kiew ihn braucht. Es ist nicht leicht, eine Millionenstadt am Leben zu halten. Gerade ist wieder die Trinkwasserversorgung in Gefahr, weil die ukrainische Armee eine Pumpstation beschossen hat. Es ist nicht auszudenken, was es für Donezk hieße, wenn die Kämpfe wirklich in die Stadt hineingetragen werden. „Historisch betrachtet, sind das ja verkehrte Verhältnisse“, sagt Purgin – „die Partisanen sind in der Stadt, die regulären Truppen auf dem Feld.“

Die Artilleriegefechte kann man mittlerweile schon in den Vororten hören. Donezk liegt nun am westlichsten Rand des von Rebellen kontrollierten Gebiets. Nach Osten erstreckt es sich bis zur russischen Grenze. Man fährt dorthin über völlig leere Straßen, ab und zu tauchen Straßensperren auf mit den Fahnen der Separatisten oder mit Christus-Flaggen. Auf den Feldern steht Getreide, von dem noch ungewiss ist, ob man es wird ernten können.

Lugansk wirkt wie die kleine, ärmere Schwester von Donezk. Hier gibt es kein schickes Fußballstadion und keine Glaspaläste, aber eine Volksrepublik gibt es auch. Wie es sich in ihr lebt, kann man im Foyer des Regierungsgebäudes erfahren. Hinter einer goldenen Stalinbüste sitzt ein Uniformierter und empfängt Bittsteller. Da sucht eine Mutter ihren Sohn, er ist von Bewaffneten Anhängern der Volksrepublik entführt worden, sie fordern 5000 Dollar für die Freilassung. Ein Ehepaar will zur „Abteilung für Korruptionsbekämpfung“ durchgelassen werden. Man hat ihnen Auto, Wohnungsschlüssel, Dokumente abgenommen, der Mann ist grün und blau geschlagen worden und kann nur mit Mühe sprechen. „Waren das Unsere?“, wird er gefragt. Er nickt. „Und warum?“ – „War ein Irrtum, sagen sie.“

Eine verzweifelte Frau sucht ihren Mann und ihren Bruder, sie sind am Vortag als Anhänger Kiews festgenommen worden. Ein Anruf im Keller bestätigt, dass sie im Regierungsgebäude einsitzen. Der Mann ist zuckerkrank. „Was fragen Sie? Sie wissen ja selbst, warum er festgenommen wurde“, sagt ein Rebell unwirsch.

Es ist ein Albtraum, so zu leben, und man kann nur wünschen, dass er bald endet. Aber wenn es so einfach wäre! Der Vormarsch der ukrainischen Armee und Nationalgarde ist nämlich auch zum Albtraum geworden, weil die Truppen rücksichtslos in besiedeltes Gebiet schießen.

So ist es am Stadtrand von Lugansk geschehen, und weit schlimmer noch in Staniza Luganskaja. Die alte Kosakensiedlung liegt an der russischen Grenze, und deren Kontrolle ist ein Hauptziel der ukrainischen „Anti-Terror-Operation“. Das erklärt die andauernden Gefechte. Vom Hügel über der Siedlung sieht man Rauchsäulen über dem Kiefernwald, und man hört das ferne Donnern der Artillerie.

Kleine Nazis

Rund um die Polizeiwache sind Häuser zerstört, ist die Straße mit tiefen Kratern übersät. Die Einwohner erzählen übereinstimmend von einem Luftangriff. Am 2. Juli um halb elf Uhr kamen die Flugzeuge. Alexander Sapelnik, 76 Jahre alt, stand da gerade mit zwei Nachbarn vor der Garage gegenüber von seinem Haus. Jetzt ist das Garagentor von Splittern durchsiebt, und Alexanders Frau Nella ist Witwe. „Er hat immer gesagt: Die können nicht auf uns schießen“, sagt sie. Alexander war selbst Vizechef einer Fliegerstaffel. „Er hat für die Luftwaffe gelebt, und er ist durch sie gestorben“, sagt Nella. Gegenüber lebt die junge Jekaterina Bogdanowa, das Haus ihres Daches ist eingestürzt, als sie schlief. Ihrem Hund hat ein Granatsplitter den Pelz verbrannt. „Ich versuche zu tun, als hätte das alles nichts mit mir zu tun“, sagt sie. „Naziki“, kleine Nazis, nennt sie die ukrainischen Truppen, und die Separatisten „Unsere“. Aber sie fügt hinzu, dass nicht alle in der Siedlung so denken.

Am schlimmsten hat es die Ostrowski-Straße getroffen. Links und rechts standen einfache Häuser. Manche sind völlig ausgebrannt, manche von Druckwellen zerstört. Neun Einwohner sind gestorben, darunter ein Junge, der gerade seinen fünften Geburtstag gefeiert hatte. Vor dem Haus Nummer acht liegen Blumen auf der Straße. Der Hausherr hat einen Verband am Kinn und Groll im Herzen – gegen Kiew, gegen den Westen, aber auch gegen Putin, der keine Truppen schickt. „Er hat uns verraten, so wie Präsident Janukowitsch uns verraten hat“, sagt er. „Wozu die ganze Sache anfangen, wenn man sie dann nicht durchzieht? Wofür ist meine Frau gestorben? Dafür, dass der den Schwanz einzieht?“

Warum die Armee die Siedlung beschossen hat, ist unklar. Das Pressezentrum der Anti-Terror-Operation bestreitet sogar, dass ukrainische Truppen dort überhaupt geschossen hätten. Es behauptet, die Rebellen selbst hätten Raketenwerfer eingesetzt. Zudem sei die ukrainische Luftwaffe schon seit fünf Uhr morgens nicht mehr über der Siedlung geflogen. Das widerspricht den Aussagen der Einwohner, die die Flugzeuge ja selbst gesehen haben.

Als Präsident Petro Poroschenko vor einer Woche die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen ankündigte, da sagte er, die „arbeitsamen und friedlichen“ Donezker und Lugansker hätten während der Waffenruhe „unser Mitgefühl, unsere Liebe und unsere Achtung gespürt“, und sie hätten „verstanden, dass ihre Sicherheit unsere wichtigste Priorität ist.“ Nach Liebe, Achtung und Sorgfalt sieht das Vorgehen der ukrainischen Truppen derzeit nicht aus.