Berlin - Das ist ein unerwartet anstrengender Freitagmorgen für die Abgeordneten der CDU/CSU im Deutschen Bundestag geworden. Das Parlament, der Bundespräsident, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts haben sich im Plenarsaal zu einer jener Feierstunden der Republik versammelt, die ihre Kraft durch Schlichtheit erlangen. Ein wenig Blumenschmuck, eine gute Rede, am Ende die Nationalhymne, das ist es, und das reicht eigentlich vollkommen. Doch diese Gedenkstunde zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes entpuppt sich recht bald als eine ganz ungewöhnlich kritische und emotionale Veranstaltung.

Der in Köln als Kind iranischer Eltern geborene Schriftsteller Navid Kermani beginnt seine Festrede recht unschuldig, er unterzieht das Grundgesetz einer Art Literaturkritik. Es sei ein in seinen wesentlichen Zügen bemerkenswert schöner Text, sagt Kermani. Er beginne mit einem Mittel der Poesie, nämlich einem Paradox: „Denn wäre die Würde des Menschen unantastbar, wie es im ersten Satz heißt, müsste der Staat sie nicht achten und schon gar nicht schützen, wie es der zweite Satz verlangt.“ Mit jenem einfachen, auf Anhieb kaum merklichen Paradox erkläre das Grundgesetz den Staat zum Diener aller Menschen in Deutschland. „Sprachlich ist das vollkommen, nichts anderes“, sagt Kermani, der leise, eindringlich, wohl akzentuiert spricht.

„So einfach, so schwierig“

„‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ ist ein herrlicher deutscher Satz, so einfach, so schwierig, auf Anhieb einleuchtend und doch von umso größerer Abgründigkeit, je öfter man seinen Folgesatz bedenkt.“ Beide Sätze könnten nicht gleichzeitig wahr sein, aber sie gemeinsam hätten sich in Deutschland in einem Grade bewahrheitet, wie es am 23. Mai 1949 kaum jemand für möglich gehalten habe. „Im deutschen Sprachraum vielleicht nur mit der Lutherbibel vergleichbar, hat das Grundgesetz Wirklichkeit geschaffen durch die Kraft des Wortes.“

Die Kraft der Worte Kermanis bannt sein Publikum, so hat wohl noch niemand hier das Grundgesetz betrachtet. Doch schon bald zeigt sich, dass er mehr will, als nur eine Gedenkrede halten. Sollten die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, die das Grundgesetz geschaffen haben, von einer himmlischen Ehrentribüne aus zusehen, sie wären zufrieden und sehr erstaunt, welche Wurzeln die Freiheit innerhalb der letzten 65 Jahre in Deutschland geschlagen habe, sagt er.

„Sie würden auch die Pointe bemerken und zustimmend nicken, dass heute ein Kind von Einwanderern an die Verkündung des Grundgesetzes erinnert, das noch dazu einer anderen als der Mehrheitsreligion angehört.“ Es gebe nicht viele Staaten auf der Welt, in denen das möglich sei, sagt Kermani.

Und dann wird er zum ersten Mal politisch: „In dem anderen Staat, dessen Pass ich besitze, ist es trotz aller Proteste und aller Opfer für die Freiheit undenkbar geblieben. Aber, das möchte ich von diesem Pult aus ebenfalls sagen, und nicht zuletzt seiner Exzellenz, dem Botschafter der Islamischen Republik Iran, der heute ebenfalls auf der Tribüne, obschon nicht der himmlischen, sitzt: Es wird keine 65 Jahre und nicht einmal 15 Jahre dauern, bis auch in Iran ein Christ, ein Jude, ein Zoroastrier oder ein Bahai wie selbstverständlich die Festrede in einem frei gewählten Parlament hält.“

Ein starker Moment. Dafür gibt es kräftigen Beifall aus allen Lagern des Parlaments, bevor sich der Redner wieder Deutschland zuwendet und die Frage stellt, wann und wodurch eigentlich das Land der Vernichtung von sechs Millionen Juden seine Würde wiedergefunden habe. „Wenn ich einen einzelnen Tag, ein einzelnes Ereignis, eine einzige Geste benennen wollte, für die in der deutschen Nachkriegsgeschichte das Wort Würde angezeigt scheint, dann war es – und ich bin sicher, dass eine Mehrheit im Bundestag, eine Mehrheit der Deutschen und erst recht eine Mehrheit dort auf der himmlischen Tribüne mir jetzt zustimmen werden – dann war es der Kniefall von Warschau.“

Nun rauscht der Beifall von der linken Seite des Hauses, im mächtigen Block der Unionsfraktion macht sich mehr Unruhe denn Zustimmung breit, nur spärlich rühren sich hier die Hände. Dass der Redner ausgerechnet diese Geste des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt zum Kristallisationspunkt der Nachkriegsgeschichte macht, gefällt hier wenigen. Zu erbittert hat die Union in jenen Jahren diesen Kanzler und seine Ostpolitik bekämpft, das wirkt noch heute fort im kollektiven Gedächtnis von CDU und CSU.

Und Kermani rührt noch weiter in dieser Wunde. „Ich kann das bis heute nicht sehen, ohne dass mir Tränen in die Augen schießen. Und das Seltsame ist: Es sind neben allem anderen, neben der Rührung, der Erinnerung an die Verbrechen, des jedes Mal neuen Staunens, es sind auch Tränen des Stolzes, des sehr leisen und doch bestimmten Stolzes auf eine solche Bundesrepublik Deutschland.“ Sie sei das Deutschland, das er liebe, nicht das großsprecherische, kraftmeiernde, „vielmehr eine Nation, die über ihre Geschichte verzweifelt, die bis hin zur Selbstanklage mit sich ringt und hadert.“ Das sind berührende, starke Sätze, die aber eben doch eine andere Vision von diesem Land zeichnen als jene sie haben, die gerade jetzt mehr Anerkennung, mehr Einfluss, mehr Macht für Deutschland in der Welt für geboten halten.

Nun hat Kermani noch ein Anliegen. Man könne das Grundgesetz nicht feiern, ohne seiner Verstümmelungen zu gedenken. Doch nicht die sprachliche Entstellung des Artikels 16a sei das Schlimmste, sagt der Mann, der gerade mit dem bedeutenden Joseph-Breitbach-Preis für sein Werk ausgezeichnet worden ist. „Ausgerechnet das Grundgesetz, in dem Deutschland seine Offenheit auf ewig festgeschrieben zu haben schien, sperrt heute diejenigen aus, die auf unsere Offenheit am dringlichsten angewiesen sind: die politisch Verfolgten. Ein wundervoll bündiger Satz – politisch Verfolgte genießen Asylrecht – geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinander gestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: dass Deutschland das Asyl als ein Grundrecht praktisch abgeschafft hat.“

Beifall bei Grünen und Linken, peinlich berührtes Schweigen der meisten Sozialdemokraten, nur schwer eingehegter Ärger bei der Union, so ist jetzt die Stimmung im Saal. Während die einen begeistert sind, dass da einer solch einen feierlichen Anlass zur politischen Attacke im Angesicht der gesamten deutschen Staatsspitze nutzt, finden die anderen das gänzlich ungehörig. Ein CSU-Abgeordneter geht.

Aber Kermani lässt noch nicht locker. Ruhig und sachlich erinnert er daran, dass – wie einst Willy Brandt – auch heute viele Menschen auf die Offenheit demokratischer Länder existenziell angewiesen seien – „und Edward Snowden, dem wir für die Wahrung unserer Grundrechte viel verdanken, ist einer von ihnen“. Angela Merkel, deren Regierung dem nach Russland geflüchteten US-Bürger ausdrücklich kein Asyl gewähren will, verzieht keine Miene.

„Danke, Deutschland“

Auch Kermanis Schlussworte sind nicht ohne Bitternis, aber sie würdigen die, wenn auch nicht immer gelungene, Integration von Millionen Bürgern mit ausländischen Wurzeln in Deutschland: „Im Namen also auch meiner Eltern und einer inzwischen sechsundzwanzigköpfigen Einwandererfamilie möchte ich sagen und mich dabei auch wenigstens symbolisch verbeugen: Danke, Deutschland.“

Einen Moment lang herrscht Stille. Dann beginnt der Beifall, höflich erst, dann intensiver. Zuerst erheben sich Gäste auf der Ehrentribüne, dann die Abgeordneten von Linken, Grünen, SPD, schließlich können sich auch die Unionspolitiker dem Druck nicht mehr entziehen. Jetzt sitzen zu bleiben, wäre eine grobe Unhöflichkeit. Bundestagspräsident Norbert Lammert dankt Kermani für seinen „starken, kritischen und ermutigenden Blick auf Deutschland“.

Dann tritt Volker Kauder für die CDU ans Rednerpult, es folgen jetzt kurze Beiträge der Fraktionschefs. Wie wird er reagieren? Zunächst einmal gar nicht. In seiner Anrede des Publikums nennt er viele, nur Kermani nicht. In seiner Rede geht er nicht auf dessen Wort ein. Ignoriert er ihn einfach? Aber nein, Volker Kauder zeigt liberale Größe. Am Ende dankt er Kermani für eine Festrede, die zum Nachdenken gereiche. „Vieles von Ihnen Gesagte teile ich, manches auch nicht.“ Im Übrigen wüssten zumindest die Katholiken: „Zu viel Weihrauch schwärzt den Heiligen.“ Die Spannung entlädt sich in Heiterkeit.

Andere in der Union äußern sich später nicht so gelassen. Kermani habe unnötig polarisiert, sagt eine Abgeordnete vom eher liberalen Flügel. „Er schadet damit gerade denen, die sich für ihn als Redner eingesetzt haben.“ Manche hätte ja schon geahnt, dass so etwas kommen würde, schließlich gehöre Kermani eher zum rot-grünen Lager. Das größte Lob kommt denn auch von der grünen Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt: „Dass und wie Sie zu uns gesprochen haben, ist eine große Ehre für uns.“ Ihr Kollege Thomas Oppermann von der SPD formuliert es einfacher: „Was für eine lebendige Feierstunde.“