Als dieser zutiefst westliche Maler im April 2008 achtzig Jahre alt wurde, bekam er im deutschen Osten eine besondere Ehrung: den Gerhard-Altenbourg-Preis. Altenbourg aus dem thüringischen Altenburg war Maler und Zeichner wie Twombly und in diesen Disziplinen ein eigenwilliger, exzellenter Bildpoet mit subversiver Kraft, einer, den die DDR-Oberen bis zu seinem frühen Unfalltod kurz vor dem Fall der Mauer auf dem Kieker hatten. Twombly freute sich damals sehr über die Ehrung, denn in Altenbourg sah er in der Spätzeit seines Schaffens einen Seelenverwandten, einen, der die gleiche Zeichensprache sprach.Cy Twombly war ein Geschichtenerzähler. Wer sie erleben wollte, musste die Bilder dieses Malers lesen lernen, eines Amerikaners mit beiden Beinen in Europa. Seit seinem 31. Lebensjahr lebte Twombly in und später bei Rom, wohin ihn die alte Kunst mit Macht gezogen hatte. Man muss beim Betrachten seiner Bilder den eigenen Assoziationen freien Lauf lassen. Dann sind die antiken Mythen zu verstehen, die der 1928 in Lexington/Virginia als Sohn eines Baseballtrainers geborene Pendler zwischen Rom und New York seinen weißen und grauen Leinwänden einschrieb: Kritzel, Kürzel, graffitiähnliche Schriftbilder in den Farbflächen. Die waren für ihn wie Arenen, in ihnen konnte der öffentlichkeitsscheue Maler tun und lassen, was er wollte.Seine Lehrer waren im New York der Nachkriegsjahre zwei berühmte abstrakte Expressionisten, Robert Motherwell und Franz Kline. Ihren Stil suchte Twombly alsbald zu überwinden. Dem Kunstmarkt konnte er es damals so nicht recht machen, erst viel später wurden seine kryptischen, poetischen, mit vielerlei Inhalten aufgeladenen Skript-Gemälde begehrt. Heute zählen sie zu den teuersten Kunstwerken der Welt.Cy Twombly, dessen Bilder in den großen Museen Europas und der Welt hängen, war und bleibt ein Fall für Spurensucher. Für Leute auf Expedition, die zwei hübsche Farbkleckse als Aristoteles und Platon identifizieren. Für Hasenfüße, die angesichts sinnlicher Sudelei aus Farbinseln, Linienknäueln, Schriftzeichen und Konstruktionsskizzen die Kunst-Krise kriegen, ist diese Malerei nichts. So wie noch Anfang der Sechzigerjahre, als Twombly erstmals seine "School of Athens" in Rom ausstellte. So arg, meinte man, habe sich noch niemand an den Säulenheiligen der abendländischen Kultur vergriffen: an Raffael wie an den Begründern der philosophischen Schulen, die das Renaissance-Fresko in den Stanzen des Vatikans feiert.Längst wurde Twombly, der Weggefährte von Robert Rauschenberg, selbst ein Klassiker.Die Empörung hat sich längst gelegt; aufregend sind Twomblys Bilder aber immer noch, wenngleich die Aufregung einer eher stillen Erregung gewichen ist, die einen erfasst, sobald man mit diesen vibrierenden Linien zwischen Gekritzel und Kalkül konfrontiert wird: Diese Kombination von Zeichen auf der Bildfläche, winzigen Kreidekringeln und zart hingekritzelten Skripturen, die palimpsestartig durch jüngere Farbschichten scheinen, die pastos aufgetragenen Flecken, die gleichsam als Platzhalter fungieren, und d ie kleinen Schaudiagramme, die vielleicht Experimente protokollieren.Twomblys Hauptthema war immer die Zeit. Er grub uralte Mythen aus, beschwor die abendländische Geschichte herauf - oft nur, indem er ein Wort in zittrigem Duktus aufschrieb und dann mit weißer Wandfarbe übertünchte, so dass die Zeichen nur noch zart durchschimmern. Mit diesem Verfahren wurde Cy Twombly auch ein Meister der Anspielung. Seine Bildflächen, so schrieb einmal ein Kritiker, sähen aus wie zerwühlte, befleckte Bettlaken.Und da gibt es von ihm dieses radikalste aller denkbaren Venusbilder. Es hat nur eine Farbe, Rot, und eine Venus ist nicht zu sehen, bloß ein Schriftzug. "Venus" von 1975 zeigt keine Liebesgöttin, aber wie Twombly die fünf Buchstaben mit dem Wachskreidestift in das Papier hineinschrammte, das wirkt wie ein ironischer Widerhall aller schwülen, wilden, eleganten oder wollüstigen Venusbilder der Kunstgeschichte. "In gewisser Weise", so schrieb Roland Barthes, befreie Twombly "die Malerei von der Schau". In "Venus" ist es der furiose Schriftzug, der das Bild ersetzt und gleichzeitig eine Spur legt zu den Venusbildern im Kopf des Betrachters.In den Siebzigerjahren porträtierte Twombly Kulturgrößen wie Montaigne oder Mallarmé, indem er monumentalisierte Bildzeichen mit dem entsprechenden Namen benannte und ab und an unter dem Piktogramm schriftliche Erläuterungen gab. Es sind nicht nur Platzhalter für Helden der Geschichte, sie lösen zugleich einen endlosen Deutungsprozess aus. Seit Mitte der Achtziger bevorzugte Twombly anstelle der Wandfarben, die er jahrzehntelang eingesetzt hatte, vermehrt Ölfarben und vor allem Acryl. In koloristischen Orgien feierte er nun die Malerei aus vollen Zügen, fern allen bisherigen Dekonstruierens.Vorbei war die Phase der wolkig-dunkelgrauen Bilder, über die Twombly mit weißer Wachskreide abstrakte, nichts und alles sagende Schriftzüge rasen ließ - hier muss er sich mit den Diagrammtafeln des Anthroposophen Rudolf Steiner auseinandergesetzt haben. Statt dieser introvertierten, dünn-grafischen Pseudo-Poetik entfesselte er im Spätwerk die Farbströme, steigerte den expressiven Gestus. Wie in Ekstase gemalt wirken die besten dieser Bilder.Als er 2001 zur Biennale in Venedig eingeladen wurde, überraschte Cy Twombly mit einem neuen Zyklus aus zwölf Großformaten. Sie waren der Seeschlacht von Lepanto im Jahr 1571 gewidmet. Über 50000 Tote kostete der Sieg der spanischen, venezianischen und päpstlichen Flotten gegen die Osmanen. Twombly reagierte darauf mit melancholischen Lichteffekten, ließ viel Farbe aus den abstrakten Gebilden rinnen. Er evozierte das strömende Blut, das bald schon das Meer rot färben sollte, aber auch das strahlende mediterrane Licht, unter dem dieses Gemetzel stattfand. Cy Twomblys Malerei zog seine Betrachter bis zum Schluss in ihren Bann. Noch im letzten Jahr vollendete er ein 400 Quadratmeter großes Deckengemälde für den Saal der antiken Bronzen im Louvre.Gestern kam nun die traurige Nachricht von Cy Twomblys Tod. Er starb am Dienstag im Alter von 83 Jahren in Rom. (mit sep.)------------------------------Twomblys Malerei ist ein Fall für Leute, die zwei Kleckse als Aristoteles oder Platon identifizieren.Foto: Bilder wie zerwühlte Bettlaken: Cy Twombly 2005 in Houston.