Jošavica - Hinter Petrinja drängen die üppigen Linden und Holundersträucher immer dichter an die Straße heran. Vom gleißenden Arena-Zentrum an der Autobahn mit seiner Shopping Mall, seinen Autosalons und seinem riesigen Kino sind es zu den kroatischen Serben nur 50 Minuten. Nach einem Abzweig führt der Weg über eine löchrige Fahrbahn an Häuserresten vorbei. Wenn man schon an Umkehr denkt, kommt doch noch Jošavica.

Blumen an den Pforten sind der erste Hinweis, dass die Häuser dahinter vielleicht doch keine Ruinen sind. Um die siebzig Menschen leben hier, die meisten vereinzelt auf notdürftig hergerichteten kleinen Höfen. Mit viel Platz, viel Vergangenheit – und einer gehörigen Dosis an Trotz.

Jošavica ist ein serbisches Dorf, wie alle Orte in dieser Gegend. Man erkennt das an den Autokennzeichen von Novi Sad. Die Stadt liegt 300 Kilometer östlich von hier, in Serbien. „Von den früheren Nachbarn kommen etliche ab und zu noch her und schauen in der alten Heimat nach dem Rechten“, sagt Ortsvorsteher Mile Zubanović. Sicherlich kämen sie gerne auch auf Dauer zurück. „Aber es gibt ja keine Arbeit.“

Hohe Arbeitslosigkeit

Zubanović hat es irgendwie geschafft. Immerhin sechzehn Kühe grasen auf der Wiese vor seinem großen Haus, da, wo einmal das Ortszentrum war. „Früher hatten die meisten hier sogar noch eine Zweitwohnung in der Stadt“, erinnert sich der 55-Jährige. Das ist vorbei.

Wer zurückgekehrt ist, kommt irgendwie durch, mehr nicht. Einen Bus, mit dem man in die Stadt zur Arbeit fahren könnte, gibt es nicht. Auch kein Wasser aus der Leitung.

Vor dem Krieg machten die Serben in Kroatien zwölf Prozent der Bevölkerung aus, heute sind es wahrscheinlich knapp vier Prozent. Seit dem großen Exodus der Serben im August 1995 hat Kroatien kein Minderheitenproblem mehr. Dafür hat es jetzt ein großes Strukturproblem. Nicht nur in Jošavica – überall in den alten Siedlungsgebieten der Serben sieht es noch aus wie im Krieg: ob in Ostslawonien, ob in der Gegend um Knin gleich hinter der reichen Adriaküste oder hier in der Banija rund um das Städtchen Petrinja, 50 Kilometer südlich der Hauptstadt Zagreb.

„Gute Reise!“, wünschte Kroatiens erster Staatspräsident Franjo Tudjman den 200.000 Flüchtlingen, die damals in Traktorenkolonnen über Bosnien nach Serbien zogen. Aber als die Serben weg waren, achtete erst die OSZE und später die EU peinlich darauf, dass kroatische Behörden den rückkehrwilligen Flüchtlingen keine administrativen Hürden in den Weg legten. So bauten sie in Zagreb zur Abschreckung eben wirtschaftliche Hürden auf. Eine fatale Strategie.

Petrinja, vor dem Krieg zur Hälfte serbisch, hat heute die höchste Arbeitslosigkeit im Land. Es wird nicht investiert. Von den 3000 Arbeitsplätzen in der einst weithin bekannten Lebensmittelfabrik Gavrilović sind 600 übrig. Die Serben blieben weg, die Kroaten zogen fort. An der bröckelnden Fassade des Kaufhauses steht in großen roten Leuchtbuchstaben „etrinjka“. Das P ist irgendwann heruntergefallen. Unter Sonnenschirmen sitzen alte Leute, halten sich an den Kaffeetassen fest und schauen den LKW gen Bosnien nach.

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Fragt man nach dem Grund für die Tristesse, geht es gleich um Geschichte und um Moral – auf beiden Seiten. Als Kroatien 1991 unabhängig wurde, packte nicht wenige Serben hier die Furcht. Dafür musste man kein Nationalist sein, ein wenig Erinnerungsvermögen reichte. Denn als Kroatien 50 Jahre zuvor schon einmal unabhängig geworden war – damals mit Hilfe von Hitlers Wehrmacht –, hatten Männer in Schwarzhemden die meisten der damals knapp tausend Einwohner von Jošavica in Lager verschleppt. 272 kamen um. 1991, zu Beginn der Balkankriege, liefen wieder Schwarzhemden herum. Serben verloren ihre Arbeitsplätzen, „weil sie Unruhe ins Kollektiv brachten“. Die Wohnungen wurden ihnen gekündigt. Mancherorts wurden Serben zu Dutzenden verschleppt und ermordet.

Gemobbt, bedrängt, vertrieben

Ein serbischer Polizeikommandant in Zadar, der sich nicht vertreiben lassen wollte, stellte daraufhin eine Miliz auf. In der abtrünnigen Republik Serbische Krajina wurden nun Kroaten gemobbt, bedrängt, vertrieben. Als Kroatiens Armee 1995 in die Gegend einrückte, flüchteten bis auf zwei alte Männer alle 480 Einwohner des Dorfes.

Danica Ranić und ihr Mann Damjan waren die ersten, die zwei Jahre später die Rückkehr wagten. „Es gab keinen Strom, die Haustür stand offen, alles war geplündert“, erzählen sie. Ihre achtjährige Enkelin Milana wird jeden Morgen vom Schulbus abgeholt. Wenn sie mittags nach Hause kommt, ist ihr meistens langweilig; das einzige andere Kind im Ort ist noch ein Baby.

Von der Feindschaft, die den ersten Rückkehrern entgegenschlug, ist kaum mehr etwas zu spüren. „Meinen Mitstudenten ist es egal, dass ich Serbin bin“, sagt die 25-jährige Milijana Nožinić, die in Zagreb Betriebswirtschaft studiert und nur an Wochenenden nach Jošavica kommt.

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Vom Zufluchtsort der Familie in Serbien aus hatte der Vater sich zunächst vorsichtig bei den kroatischen Behörden erkundigt, ob etwas gegen ihn vorliege. Ja, lautete die Antwort, womit sich die Rückkehr für ihn erst einmal erledigt hatte – wie für so viele Serben, die Gerichtsverfahren befürchteten. Doch Milijanas Eltern hakten mit Unterstützung der norwegischen Botschaft noch einmal nach, und nun kam Entwarnung: Die falsche Auskunft sei ein Computerfehler gewesen. „Falschmeldungen und Gerüchte gab es damals genug“, erinnert sich Mutter Nada. „Sie taten ihre Wirkung.“

Als Saisonarbeiter in Deutschland

Milijanas Vater fährt seit Jahren regelmäßig nach Deutschland und verdingt sich dort in der Nähe von Darmstadt als Saisonarbeiter. Auch die Tochter will „irgendwohin ins Ausland“, wenn sie mit dem Studium fertig ist. Für Jošavica wünscht sie sich, dass wenigstens die Kirche wieder aufgebaut wird. Aber die wäre auch ein Symbol von Serbentum und serbischer Präsenz. So etwas finanzieren auch großzügige internationale Geldgeber nicht.

Ob es wohl besser wäre, wenn die Serben von Jošavica ihre Zugehörigkeit verleugneten? Schwerfallen würde es ihnen nicht: Sie sprechen wie alle anderen auch: Serbisch, Kroatisch oder Serbokroatisch, wie immer man das nennen will. Die Nationalität sieht man ihnen nicht an. Mile Zubanović, der Ortsvorsteher, zuckt nur mit den Schultern, was wohl soviel heißen soll wie: Wenn die Kroaten die Sieger der Geschichte sein wollen, dann muss es eben auch Verlierer geben.