BERLIN. Mit ungewöhnlicher Schärfe hat Kubas oberster Katholik Reformen in seinem Land angemahnt. Die wirtschaftliche Lage sei schwierig, sagte Kardinal Jaime Ortega, Erzbischof von Havanna, der von seiner Diözese herausgegebenen Zeitschrift Palabra Nueva (Neues Wort). Deshalb müssten die notwendigen Reformen schnell angegangen werden. "Jede Verzögerung erzeugt im Volk Ungeduld und Unmut", heißt es in der Internet-Ausgabe der Kirchenzeitung.Zwar haben nur wenige privilegierte Kubaner zu Hause Zugang zum Internet. Dennoch ist es nur eine Frage der Zeit, bis Ortegas Kritik breiten Gesellschaftskreisen bekannt wird. Möglicherweise wird das Interview schon bald auch in der gedruckten Ausgabe von Palabra Nueva erscheinen, die zwar nirgends zu kaufen ist, aber in allen Kirchen Havannas zwischen Kerzen und Heiligenbildchen ausliegt.Ortega beklagte den "tragischen Tod" von Orlando Zapata Tamayo. Der Dissident war im Februar nach 85 Tagen Hungerstreik verstorben. Im gleichen Atemzug kritisierte der Erzbischof indes die Medien der USA und Spaniens, die den Tod zum Anlass für eine aggressive Medienkampagne genommen hätten. Ähnliche Sätze konnte man nach Zapatas Tod auch in Granma, der Zeitung der Kommunistischen Partei, lesen.Der Kardinal bedauerte ausdrücklich, dass US-Präsident Barack Obama das Angebot des kubanischen Staatschefs Raúl Castro zu einem Dialog ohne Vorbedingungen und über alle Themen - Menschenrechte eingeschlossen - nicht aufgegriffen habe. Kuba gegenüber folge Obama dem gleichen politischen Schema wie seine Vorgänger, sagte er."Was die politischen Gefangenen betrifft", erklärte der Erzbischof, "hat die Kirche historisch immer alles ihr Mögliche getan, damit sie freikommen." Und quasi ausgleichend fügte er hinzu, die Kirche verwende sich auch für "die fünf Kubaner, die in den USA gefangen sind." Es geht hierbei um fünf Kubaner, die im Auftrag der Castro-Regierung in Miami die exilkubanischen Organisationen ausspionierten und in den USA in einem rechtlich zweifelhaften Verfahren zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden. In Kuba werden sie auf Tausenden Plakaten landauf, landab als "die fünf Helden" geehrt.Als "schmerzlich" kritisierte Kardinal Ortega die wiederholten Übergriffe von Stoßtrupps von Jungkommunisten gegen die "Damen in Weiß". Es sind die Ehefrauen der unabhängigen Journalisten und Menschenrechtler, die im "schwarzen Frühling" 2003 verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen - zum Teil bis zu 28 Jahren - verurteilt wurden. Etwa zwei Drittel von ihnen befinden sich noch immer im Gefängnis. Die "Damen in Weiß" machen regelmäßig mit Schweigemärschen auf das Schicksal ihrer Männer aufmerksam. Am vergangenen Sonntag wurde ihr Zug - nicht zum ersten Mal - durch militante Regierungsanhänger gesprengt. Einige der Frauen wurden in Bussen weggeschafft.------------------------------Foto: Kardinal Jaime Ortega