Kubas Regierung gab schulfrei zur Messe des Heiligen Vaters

Zehntausende Menschen haben Papst Johannes Paul II. bei seiner ersten Messe auf kubanischem Boden in Santa Clara 300 Kilometer östlich von Havanna einen begeisterten Empfang bereitet. Gläubige und Nichtgläubige waren von den frühen Morgenstunden an auf dem Sportplatz Manuel Fajardo an der Peripherie der Provinzstadt zusammengeströmt. Als der Heilige Vater mit zehnminütiger Verspätung das Podium betrat, erschollen einzelne "Viva"-Rufe und Sprechchöre: "Johannes Paul, Freund, das Volk ist mit dir!" Zwischen die flachen weißen Neubaublöcke hatten Bauarbeiter in den letzten Wochen einen erhöhten Altar in die hügelige Landschaft gesetzt und mit dem für die Landschaft typischen Palmstroh gedeckt, um den Gast aus Rom vor der sengenden Sonne zu schützen. Doch obwohl die Messe in Santa Clara ebenso wie das gesamte Besuchsprogramm auf die vom Klima her erträglicheren Vormittagsstunden ausgerichtet worden waren, litt der Papst erkennbar unter der Hitze und den Anstrengungen der Reise. Wiederholt verstummte er sekundenlang mit geschlossenen Augen, ehe er mit brüchiger Stimme weitersprach."Lange Jahre haben wir auf den Augenblick gewartet, in dem wir das Wort des Papstes in Kuba hören können", begrüßte der Bischof von Santa Clara, Fernando Prego Casal, den Pontifex. "Sprechen Sie zu uns über die Todsünde der Abtreibung, orientieren Sie die kubanische Familie, die so sehr Ihrer Hilfe bedarf!" Todsünde AbtreibungUnd Johannes Paul II. kam der Aufforderung nach. Abtreibung sei ein "abscheuliches Verbrechen", erklärte er; es sei unerträglich, wenn Familien in einem Umfeld leben müßten, in dem "unter dem Mantel der Freiheit eine Mentalität gegen Geburten gefördert wird". "Kinder sind ein großes Geschenk Gottes", fügte er hinzu und wies ausdrücklich auf das Bibelzitat "Seid fruchtbar und mehret euch" hin. Auch wenn er die kubanische Familienpolitik nicht ausdrücklich nannte, waren seine Worte die bisher direkteste Kritik an seinem Gastgeberland, wo Abtreibungen bis zur zehnten Woche legal sind und von jungen Frauen nicht selten als Alternative zur Verhütung angesehen werden.Eindringlich betonte der Papst, die Eltern seien die bei weitem wichtigsten Erzieher der Kinder. "Öffentliche Behörden haben kein Recht, die Rolle der Eltern zu übernehmen", sagte er. Mit seinem Aufruf zur Familienzusammenführung spielte er zudem auf die rund zwei Millionen Kubaner an, die in der Emigration leben. Zahllose kubanische Familien wurden durch die Auswanderung auseinandergerissen, Verwandtenbesuche werden durch die gespannten Beziehungen zwischen den Regierungen in Washington und Havanna immer wieder behindert.Johannes Paul II. verwies auch auf die wirtschaftlichen Herausforderungen der Familie wie Armut, Arbeitslosigkeit und Mangel an Wohnungen. "Kuba: Kümmere dich um deine Familien, um dein Herz reinzuhalten", rief er aus. Eine dunkelhäutige Katholikin aus Santa Clara las aus dem 2. Buch Mose vor und zitierte den Religionsstifter, der dem Volk Israel ein "Land, in dem Milch und Honig fließen" verheißt ­ eine Sehnsucht, die die Besucher des Gottesdienstes zwangsläufig mit der prekären Situation in ihrem Land verglichen, das seit dem Verlust der osteuropäischen Verbündeten unter einer tiefen Wirtschaftskrise leidet.Obwohl nur fünf Prozent der Kubaner als praktizierende Katholiken gelten, hatte sich ganz Santa Clara auf den Weg gemacht, um den Papst zu sehen. Schulen und Betriebe blieben geschlossen, die Regierung hatte einen Feiertag ausgerufen, um jedermann den Besuch der Messe zu ermöglichen. Auffällig war, wie viele Menschen die Kirchenlieder mitsangen, obwohl sie nie zuvor in ihrem Leben eine Messe besucht hatten. Die Papst-Reise hat der katholischen Kirche auf der kommunistisch regierten Insel einen Schub versetzt, dessen Auswirkungen noch nicht absehbar sind. (hb.)