NEUENHAGEN Für Millionen DDR-Bürger war er jahrzehntelang nur eins: Kuddel. Der Kabarettist Heinz Draehn wohnt seit 40 Jahren in Neuenhagen, steht nach einiger Zeit der Abstinenz wieder auf der Bühne - und will am liebsten einmal nach Kroatien."Die ersten zwei Jahre nach der Wende waren trübe", resümiert Heinz Draehn und schiebt die unvermeidliche Schiffermütze zurück. Jenes Utensil, das sich den "Klock 8, achtern Strom"-Zuschauern wohl am meisten eingeprägt hat. Jahrelang war er in der "Hafenbar" dabei, frotzelte herum und erzählte Anekdoten von der Seefahrt.Seiner eigentlichen Arbeit ging er in der Woche nach. Jeden Tag, montags ausgenommen, trat er als "Kuddeldaddeldu" in der "Distel" auf, mehr als 20 Jahre lang. Als dem "Distel"-Schreiber Hans Krause die Idee kam, der Ringelnatz-Figur mit modernen Texten Leben einzuhauchen, war Draehn schon elf Jahre bei den Berliner Kabarettisten. Die hatten den Rostocker einfach dabehalten, als er 1954 bei einem Gastspiel in ihrem Haus auftrat. Sie brauchten seinen Typ. Krieg und Lager Draehn spielte den Seebären, und er fühlt sich auch so. "Ich bin jahrelang als Schiffsjunge mit einem Kümo mitgefahren." Kümo? "Na, ein Küstenmotorschiff." Überhaupt habe er eine schöne Kindheit gehabt, sagt der 74jährige. Dann kam der Krieg, und Heinz Draehn mußte wieder auf ein Schiff. Er landete in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft, wurde auf Titoismus umgeschult. Für ihn war diese Zeit ein Glück, wie er betont. "Alles, was ich heute bin, verdanke ich dem Lager." Er holte vier Jahre Schule nach, spielte in Aufführungen der Gefangenen mit und war als "Artista" (Künstler) bei den Offizieren hoch angesehen. Nach der Gefangenschaft zog es ihn wieder an die See. Er arbeitete als Hafenarbeiter in Rostock und stieg beim Kabarett "Hafen-Spatzen" ein. Dann begann die Berliner Zeit. Die "Distel" wurde Kult und Kuddel ein Star. Karten gab es nur mit Beziehungen oder nach langer Wartezeit. Als Mitwirkender hatte Kuddel immer Karten. Das vereinfachte manches. Handwerker kamen schneller, sogar Führerscheinprüfer stimmte die Aussicht auf zwei der begehrten Tickets milde, wie Draehn erzählt.Dann begannen die Jahre mit der Hafenbar. Draehn mimte - mit einem Glas "Braunen" in der Hand ("Da war meistens Tee drin") - den beschwipsten Seemann und konnte so auch die eine oder andere spitze Bemerkung unterbringen. "Im Suff durfte man viel sagen", erinnert er sich. "Keiner konnte so gut besoffen spielen wie du", habe mal einer zu ihm gesagt. Die Zensur der Texte sei nicht so gewesen, wie es oft geschildert werde, sagt Ex-SED-Mitglied Draehn. "Natürlich haben wir manche Sachen nur reingenommen, um andere Pointen zu retten." Das gehörte zum Ritual, um bei der Abnahme neuer Programme durch die verantwortliche ZK-Abteilung zu bestehen. Doch auch das "Vernuscheln" oder "Verhusten" galt als übliche Methode, um ein wenig Gesellschaftskritik unterzubringen. Wenn dann ein Wortspiel wie "Nacharbeiterklasse" in einem Sketch über Pfusch am Bau drinblieb, war der Applaus der Zuschauer sicher. Für sechzig "Klock 8, achtern Strom"-Folgen, die "Distel"-Produktionen und etliche Betriebsfeiern entstanden 385 verschiedene Kuddel-Texte, geschrieben von Hans Krause, vorgetragen von Heinz Draehn.1987, da war Draehn 65 Jahre alt, stieg er aus der "Distel" aus, machte nur noch ab und zu in der "Hafenbar" mit. Es kam die Wende und mit ihr jenes Loch, in das die meisten Ost-Stars fielen. Auch um Kuddel kümmerte sich niemand. "Und ich bin keiner, der sich anbiedert, um wieder Auftritte zu bekommen", sagt Draehn. 1990 starb seine Frau. Aus der Krise holte ihn zwei Jahre später die Volkssolidarität heraus. Für wenig Geld ging es wieder an einigen Abenden auf die Bühne. Zwei Programme Die Ex-DDR-Bürger hatten sich zurückbesonnen", sagt er. Und irgendwie klingt ein bißchen Stolz durch, wenn er die drei Buchstaben ausspricht, die einmal ein Land waren. Er findet es schade, daß es sie nicht mehr gibt, die DDR. "Wir hätten sie verändern sollen, nicht abschaffen."Aber er ist trotzdem ganz zufrieden mit dem Leben im wiedervereinigten Deutschland. Zusammen mit Freunden gründete er die Kabarettgruppe "Distel-Oldies" und tourt mit zwei Programmen durch die neuen Bundesländer. Er persifliert Kaffeefahrten, Beate-Uhse-Läden, die Werbung und sinniert in einem Bühnentraum darüber, was wohl passiert wäre, wenn sich die BRD der DDR angeschlossen hätte. "Das Leben hat es gut mit mir gemeint", sagt Draehn. Er ist lebenslustig, hat viel vor. "Ich will noch mal nach Kroatien, da habe ich viele Freunde. Durch den Krieg habe ich aber den Kontakt verloren." Sein Traum: Noch einmal die Jugenderinnerungen auffrischen, sich noch einmal ein bißchen wie Old Shatterhand fühlen, weil "die herrliche Landschaft so sehr an Karl May erinnert". Und zum Schluß kommt dann doch wieder ein bißchen der Seebär durch. "Glauben Sie nicht alles, was ich erzähle. Ein bißchen Seemannsgarn ist immer dabei." +++

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