Die neunjährige Sarah Formwald weiß schon, was sie mit dem großen neuen Spielzeug machen will, das da auf dem Pausenhof ihrer Grundschule steht: "Mich mit Freunden reinsetzen und spielen, daß wir ganz weit wegfahren. Nach Spanien oder so." Die Regenbogen-Grundschule an der Morusstraße ist die vorerst letzte Haltestelle des 74 Jahre alten Straßenbahnwaggons. Am Freitag vormittag brachte ihn ein Tieflader auf den Schulhof. In den vergangenen vier Jahren hatte er im Lindentunnel in Mitte gestanden als Teil einer Ausstellung des Künstler Ben Wargin. Weil Wargin, wie berichtet, den Tunnel bis Ende Dezember räumen muß, bot er der Regenbogen-Grundschule den Wagen an: "Das ist ausnahmsweise mal eine Schule, in der man nicht nur Lesen und Schreiben lernt, sondern auch Toleranz und Umweltbewußtsein". Die Regenbogen-Grundschule ist Berlins einzige "kunstbetonte Schule". Die Kinder zeichnen, töpfern und besuchen Ausstellungen moderner Malerei. Die zweite Besonderheit der vor zehn Jahren gegründeten Schule hat ihr den Namen gegeben: Die 570 Schüler kommen aus 30 Ländern.Wie die Schüler das zwölf Meter lange Gefährt, das auf einem alten Schienenstück im Hof festgeschweißt wurde, nutzen werden, das wollen sie sich gemeinsam überlegen. "In den kommenden Wochen wird jede Klasse einzeln in den Waggon gehen und Ideen sammeln", sagt Schulleiterin Heidrun Böhmer. Sie könnte sich vorstellen, daß der Triebwagen zum Klassenzimmer wird, zum Beispiel für den Verkehrsunterricht. Das wäre auch in Wargins Sinn: "Der Waggon soll die Kinder daran erinnern, daß es vernünftiger ist, sich mit der Straßenbahn fortzubewegen als mit dem Auto."Vor vier Jahren hatte die BVG die Straßenbahn Ben Wargin überlassen. Damals wurden 500 Wagen des Typs T 24 ausgemustert. Allerdings blieben die Verkehrsbetriebe Eigentümer des Ausstellungsstücks. Nun hat die BVG den Waggon ein zweites Mal vor dem Schrottplatz gerettet und den Umzug vom Lindentunnel nach Neukölln bezahlt. 13 000 Mark verlangten Berliner Transportfirmen das Verschrotten des Fahrzeugs hätte nur 2 000 Mark gekostet. Auf Rügen fand sich schließlich ein Unternehmen, das den Wagen für 10 000 Mark von Mitte nach Neukölln brachte und auf dem Schulhof aufstellte. Das Bezirksamt zahlte die Hälfte und wurde neuer Eigentümer der Straßenbahn: Die BVG verkaufte sie dem Bezirk für eine Mark. In der kommenden Woche werden die Kinder das neue Spielgerät putzen. Die Graffiti, die in den letzten Wochen aufgesprüht wurden, sollen zuerst runter. "Schade", sagt die zwölfjährige Jasmin Tamim. "Gerade das gefällt mir an dem Waggon."